Gut gebrüllt, Löwe – „The Pyramid Tears of Simba“ von Orph

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Ob Orpheus’ Spitzname wirklich Orph war? – Ist den Morphs vom Orph wahrscheinlich auch egal. Was wirklich zählt ist, dass die Weimarer Klang- und Kleid-Künstler mit „The Pyramid Tears of Simba“ gerade ihr zweites Album herausgebracht haben. Und sich damit zum mindestens zweiten Mal neu erfinden.

Orph
The Pyramid Tears of Simba
Kick The Flame / Broken Silence / Finetunes
09. Februar 2018
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

„Poems for Kui“ lautet der Titel ihres vor sechs Jahren veröffentlichen Debüts, dem wir damals hier das Prädikat von der Wurfweite her eher überdurchschnittlich verliehen. Und im Grunde genommen kann das auch für den Album-Zweitling getrost so stehen bleiben. Geändert hat sich dennoch einiges. Ob aus Altersmüdigkeit oder –weisheit oder weil – wenn man es nicht ganz dumm anstellt – das Leben selber einen auch was lehrt: Die in deutscher Sprache betitelten instrumentalen Zwischenspiele sind ebenso verschwunden wie die kostüm-schinkigen Visuals und das Klavier als soundtechnischer Dreh- und Angelpunkt. Das ist insofern wohltuend, als dass Orph nun nicht mehr Gefahr laufen, sich folkloristisch verorten lassen zu müssen. Die nach Elektronik und Vorwärtsgewandtheit klingenden Ansätze dazu waren zwar schon auf „Poems for Kui“ zu hören. Zu voller Entfaltung gelangen sie allerdings erst auf „The Pyramid Tears of Simba“.

Nicht, dass jedwede bühnenreife Theatralik einem nüchternen Intellektualismus gewichen wäre. Weil aber Orph jenseits augenfälliger Außergewöhnlichkeiten deutlich mehr Gewicht auf synthetische Klangerzeugung und Postproduktion setzen, gerät ihr Sound auf eine Art und Weise retro-futuristisch, die dem Klang-Kollektiv nicht nur eben so gut steht wie die Thrift-Store-Akustik vom Erstling, sondern ihr ein noch viel eigenständigeres Profil verleiht. Eines, das sich für Vergleiche öffnet, die vorher nie zu denken gewesen wären: Auf „From Century To Century“, „Buildings Are on Fire“ und das großartige „The Empire“ erinnern die Weimeraner an Yeasayer; „Heart of a Widow“ und „Sun City“ hätten wohl auch auf einem der letzten Talk Talk Alben keinen ganz schlechten Eindruck hinterlassen. Überhaupt: David Sylvian und Japan scheinen während der Aufnahmen ebenso auf der Hördiät-Liste gestanden zu haben wie Scritti Politti und Prefab Sprout.

Dass das schlimme Jahrzehnt zwischen amerikanischem Olympia-Boykott und der Wiedervereinigung mehr zu bieten hatte als Schulterpolster und Synthie-Hallräume, haben die geistreichsten der Spatzen ja schon immer von den Dächern gepfiffen. Und auch Orph scheinen zu dieser seltenen Sorte Vögel zu gehören. Apropos wie ihnen der Schnabel gewachsen ist: Einer der – wenn auch leisen – Höhepunkte auf „The Pyramid Tears of Simba“ ist das einigermaßen wundersame „Tom A“, dass der Autor gerne einmal live dargeboten bekäme (und dass mit dem richtigen Arrangement vielleicht gar als komplette a-capella Variante funktionieren würde).

„The Pyramid Tears of Simba“ ist ein überzeugend eigenständiges Album geworden, dass trotz der bandeigenen und deswegen zum guten Ton gehörenden Idiosynkrasien noch leichter im Gehörgang kleben bleibt als der sechs Jahre alte Vorgänger. Wenn das keine Weiterentwicklung im positiven Sinne ist, dann will ich auch nicht weiter wissen.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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