A Bigger Band – “Urban Folktales” von der JBBG

Mai 4, 2012

Don Ellis, Ivan Jullien, Herb Geller, Henry Threadgill und ja, auch Gil Evans und Maria Schneider – die Liste der Wahl-Klangverwandten ist zwar nicht beliebig verlängerbar, beeindrucken tut sie dennoch ganz gehörig.


Jazz Big Band Graz
Urban Folktales

 

Act / Edel
27. April 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | JBBG | Act


Das Gruppenformat Big Band ist – man muss das so schreiben – ein Dinosaurier. Und – um beim Bild zu bleiben – damit eigentlich ausgestorben. Aber – und jetzt freut sich das Phrasenschwein erst richtig - Totgesagte leben länger. Und nun hinfort mit der Möchtegern-Morbidität. Wie die Jazz Big Band Graz beweist, ist Big Band Jazz immer so lebendig wie man ihn spielt. Ginge es nur nach dem neuen Album des reichlich internationalen Ensembles - das Konzept Big Band hätte nicht anders entworfen werden dürfen. Beileibe keine Selbstverständlichkeit für ein Ensemble, das ohne Gäste 16 Mitglieder zählt.

Trotz der bereits bei der Gründung 1998 unüberseh- und vor allem -hörbaren individuellen Qualitäten bedurfte aber auch dieses Klangkollektiv einer Entwicklung, die spätestens mit der Übernahme durch Heinrich von Kalnein und Horst-Michal Schaffer vor gut 10 Jahren einen entscheidenden Schub erfuhr. Ein halbes Dutzend und von der Kritik gefeierten Veröffentlichungen später, scheint den beiden Orchester-Chefs mit "Urban Folktales" gelungen zu sein, was als mathematisch unmöglich gilt: das Erreichen der Asymptote, in diesem Fall das selbst gesetzte Ziel Klangdideal.

Ließ sich die Verschmelzung von Elektronika und Big Band Sound auf dem Vorgänger –Album "Electric Poetry Lo-Fi Cookies" noch ein wenig holprig und irgendwie disparat an bzw. wies eine nicht repräsentative Nähe zu Jazzlektro-Künstlern wie Bugge Wesseltoft oder Brandt Brauer Frick auf (von "The Smile of Smiles" einmal abgesehen), hat die Jazz Big Band Graz mit "Urban Folktales" eine Klangeigenständigkeit erreicht, die in dieser Güte ihresgleichen sucht – und selbst bei Claudio Puntin und dem Lucerne Jazz Orchestra nicht findet. Deren "Berge Versetzen" war ja nun auch nicht so ganz ohne – das mächtig Elegische der detailreich arrangierten Fusion von Bläserflächen und feinstens ziselierten Elektro-Teppichen aber geht den Schweizern ab – JBBGs "High Voltage" ist ein besonders gelungenes Beispiel.

Klangentscheidend ist dabei, dass die elektronischen Elemente dem restlichen Sound-Spektrum nicht oktroyiert bzw. untergeschoben werden, sondern zu gleichen Teilen emanzipiert und subtil in den Entstehungsprozess einfließen, wie jede andere Instrumentalstimme auch – ein Verdienst, den sich zu aller erst Schlagwerker und Knöppe-Programmierer Gregor Hilbe auf die Sticks schreiben darf. Das Ergebnis oszilliert zwischen klanglichen Grauzonen und fließenden Übergängen, die so manche eineindeutige Identifikation erschweren: sind das gesamplete Grillen, ist das noch E-Zither, ein Beitrag des vietnamesischen Gast-Genius Nguyên Lê oder doch schon die durch den Synthi-Wolf gedrehte Theremin von Barbara Buchholz. Für das einzige weibliche Mitglied der Big Band aus Graz waren die Aufnahmen zum vorliegenden Album ihre letzten – sie verstarb im April nach langer Krankheit.

Dass die Big Band noch sehr viel mehr kann als mit androgyn-ätherischem Ambient à la "Seelenbaumeln" und "Space Trip – The Day We Landed" (beides Nummern, auf denen Gast-Sänger Theo Bleckmann zwar passt, aber nicht nachhaltig genug punktet) zu überzeugen, offenbart sich auf der zweiten Hälfte des Albums. Einmal mehr zeigt sich hier die Klasse von Taktspender Gregor Hilbe. Spärlich bis wohldosiert hält er zusammen, was Holz und Blech als Grundlage voraussetzen müssen können, um so zu brillieren wie auf auf dem schon erwähnten "High Voltage" oder "Coming Home". Mit seiner dynamischen Bandbreite evoziert Letzteres auf fast unheimliche Weise Erinnerungen an Peter Herbolzheimers "My Kind Of Sunshine". Dass der nicht nur vom Grazer Ensemble, sondern auch von seinen Gast-Solisten mehr als angetan gewesen wäre, dafür verwettet der Autor seine halbe Plattensammlung: Gianluca Petrellas Posauen-Solo ist umwerfend, Verneri Pohjolas Trompeten-Alleingang nicht minder. Und das zwischen Arabien und High-Life changierende Aroma, das Hadja Kouyaté "Réve Africain" verleiht, möchte man am liebsten unter freiem Himmel erleben, ein hitzig-staubiger Sonnenuntergang inklusive.

Gäbe es einen Hörer-Kummerkasten, würde sich hier nur eine einzige Notiz finden, Betreff: Sound. Weil die JBBG den Gesamt-Satz-Klang den einzelnen, aus zwei oder drei Instrumenten bestehenden und sich möglicherweise kreuzenden Klangzellen vorzieht, geht die Dominanz der oft delikat ausbalancierten Hölzer und Bleche vollkommen in Ordnung. Allerdings zu Lasten der originären Rhythmus-Fraktion. Auch wenn das Schlagzeug rockt – weniger Drum’n’Bass Soundästhetik wäre an dieser Stelle mehr: Toms und Bassdrum klingen stellenweise farblos. Und auch der Bass ist dann und wann blass. Vermutlich hat sich aber auch Jaco Pastorius so etwas vorwerfen lassen müssen ...

Die Jazz Big Band Graz hat den Big Band Jazz nicht neu erfunden - sie hat ihn vom musealen Korsett befreit, nackig gemacht und zeitgeistig eingekleidet. Steht ihm gut. Sehr gut sogar.

photo: Erich Reismann

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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