James Blake – ein Aufnahmekünstler

August 23, 2011

WTF?! – Nein! – Ich kann mich nur wiederholen. James Blake hat mit Tennis nichts, aber auch gar nichts zu tun. Roland Garros hält er für einen französischen Weichkäse und Wimbledon für eine Kreuzung aus Windows Media Player und Ableton live. Na, woll'n mal nicht so streng sein. Aber so ungefähr. James Blake, der Tennisspieler, und James Blake, der Musikproduzent, lassen sich aber gleich aus mehreren Gründen gut auseinander halten. Ersterer könnte rein altersmäßig das Sorgerecht für den letzteren beantragen. Und auch wieder nicht. Denn auch wenn der gerade der Vormundspflicht entwachsen ist, wird die Hypothese wohl dennoch zum Scheitern verurteilt sein: James Blake der Musikproduzent ist ein britisches Weißbrot.


Geboren in: London

Zuhause in: London

Musikmachen seit: 2008

Künstlername: James Blake, Harmonimix

Lebensmittelpunkt: Schlafzimmer

aktuelle Veröffentlichung: James Blake

Website: www.jamesblakemusic.com

 


Nach eigener Aussage fand die Dubstep-Initiation Blakes erst statt, nachdem er die Schule abgeschlossen und sich 2009 für das Musikstudium am Goldsmith College entschieden, aber noch nicht final eingeschrieben hatte. Statt Stevie Wonder, D'Angelo, Aliya, R.Kelly und Sly Stone standen jetzt Mala, Coki, Digital Mystikz und auch Untold, auf dessen Hemlock Recordings Label er ein paar seiner ersten Veröffentlichungen hatte, an erster Hörstelle. Dass Blake seine ersten Gehversuche als Schlafzimmer-Produzent einigermaßen unverkennbar in die Dubstep-Richtung lenkte, dürfte dann auch dem Versuch geschuldet sein, die Euphorie dieser neuen Hörerfahrung auf angemessene Weise zu kanalisieren.

"Before I started producing there was always a feeling at the back of my mind that I needed to document what I was doing musically."

Aber: aller Anfang ist alles andere als leicht. Diese Erfahrung musste auch Blake machen, der über einen Zeitraum von ca einem halben Jahr an seinem ersten Track  rumfriemelte, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass er ihm nicht gefällt.

"It started off with me imitating what I was hearing at FWD, but eventually my other influences started coming through in my productions. I went through a phase of writing very minimal things for the sake of being minimal and dark, and it just wasn’t me at all. As soon as I started letting the melodic elements come through I started having a lot more fun.

Die melodischen Elemente, die Blake hier im Blick und Ohr hat, haben ihren Ursprung allerdings nicht ausschließlich in den früheren Hörgewohnheiten Blakes. Ungemein wichtig für den distinkten Klangcharakter der Blakeschen Produktion waren die ihm zu Schulbuben-Zeiten so verhassten Klavierstunden. Zu denen er ging, ohne einen wirklich inneren Antrieb zu verspüren. Heute glaubt Blake, dass die Schule, durch die er damals nicht hat gehen wollen, für ihn und sein Werk von nahezu unschätzbarem, dafür aber hörbarem Wert sind. Zwar konstruiert der Knöppedreher seine Werke nicht mit Hammer und Quintenzirkel. Sein ebenso tiefreichendes wie fundiertes Wissen vor allem um harmonische Komplexe und Zusammenhänge bahnt sich jedoch noch in jedem seiner Tracks einen Weg. Auch wenn es sich im Falle einiger Tracks auf der CMYK-EP dabei eher um Alleen, und nicht wie auf seinem unauthorisierten Refix von Destiny's Child's "Bills Bills Bills" um einen schmalen Pfad handelt.

James Blake: CMYK

Weitere wesentliche Werkmale Blakes sind:

  1. Die konsequente Nicht-Erfüllung hörtechnischer Erwartungshaltungen, auch die formgebenden Strukturelemente betreffend. Strophe, Refrain und Bridge scheinen ihm nichts zu sagen. Entweder passen Ideen und Klänge zusammen oder nicht.
  2. Der Wille, es jemandem anders, sondern nur sich selbst recht zu machen. Einschließlich der Weigerung, sich einer sowieso arbiträren Genre-Tradition verpflichtet zu fühlen. Blake ist ebenso wenig ein Dubsteproduzent wie Picasso ein Buntbildmaler gewesen ist. Und wenn ihm danach ist, dann könnt's eben auch ein Solo-Klavier-Ding geben. Gonzales ick hör dir trapsen.
  3. Die schlichte Tatsache, dass Blake im MP3-Zeitalter Musik macht, die als MP3 so gut wie keinen Spaß macht. Die sonischen Feinheiten und Extravaganzen, mit denen Blake seine Musik ausstattet und ornamentiert, waren in aller Regel bei der Komprimierung verschluckt. Bestenfalls plakative Pan-Effekte bleiben erhalten. Erst bei höherer Auflösung oder noch deutlicher, bei der Wiedergabe via Vinyl, lassen sich Sample-Schnipsel erkennen. Wummern Bässe nicht nur, sondern entwickeln eine im wahrsten Sinne des Wortes Tiefenprofil.

Zum großen Glück für den hörenden Teil der Menschheit ist es Blake auch ziemlich schnuppe, wie Leuten seine Musik zu kategorisieren beliebt. So lange ihn diese Genrefizierungen nicht daran hindern, seiner eigenen Nase folgen zu können.

"A lot of people are quite sensitive to the use of the word “dubstep,” and for a while I thought, "I’m really glad to be breaking out of this sound." But now I quite like being bundled in with it because when I think about the people that have gone before me and are making incredible music, like Mala… I still listen to his records… then great! I mean, I don’t get associated with the massive tear-out wobble end of dubstep, I sort of get the nicer end of dubstep, so I’m happy with that."

Ein Tiefstapler vor'm Herrn. Beängstigend ist daran vor allem eines: es kommt noch dicker und natürlich auch bässer. Wer das Glück hat, sein Feist-Cover "Limit To Your Love" zu kennen, wird wissen, worauf der Autor hier hinaus will. Für alle anderen gilt: selten konnte man seinem Glück auf so einfache Weise nachhelfen.

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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