Alle Klingen Scharf – “Im Schwindel” von Messer
Juni 30, 2012Dass Punk ein anderes Wort für musikalischen Dilettantismus sein soll, war schon immer gelogen. Das war auch schon so, als Punk und Laientum noch Hand in Hand im Musikpark spazieren gingen. Das DIY-Etikett bzw. den Garagen-Schrammel-Low-Fi-Faktor musste sich jede musikalische Ausdrucksform, die noch nicht im gesamtgesellschaftlichen Kanon etabliert war, anheften lassen. Und Punk war da keine Ausnahme. Ob aber Punk zu nennen ist, was das deutsche Quartett Messer auf ihrem Debüt "Im Schwindel" zelebriert, weiß wahrscheinlich nur Jello Biafra.
This Charming Man / Cargo Records
29. Juni 2012
Erhältlich bei:
This Charming Man | iTunes | Musicload
Punk hin oder her. Messer überzeugen, weil sie keine Angst haben, anders zu sein, Düster, verstörend, eigen und krachig-monoton. Frontsau Henrik Otremba ist kein Sänger, sondern ein musikalischer Zustandsbeschreiber und damit schon nicht mehr soweit weg von Peter Hein. Dennoch: Großartige Vergleiche mit anderen vermeintlich ähnlichen Interpreten aus Teutonien bieten sich kaum an. Bei Zeilen wie "Chaos / Im Schwindel / Ist am Ende einer tot" macht Mit-Gröhlen à la "Hier kommt Alex", "Junge" oder "Wir müssen hier raus" schlicht keinen Spaß. Trotz der Beschwörungen des Waschzettels. Musikalische Assoziationen in Richtung Fugazi scheinen hier tragfähiger.
Auch, weil die Punk-Pioniere aus Übersee zu den ersten gehörten, die mit der Mär von den Instrumenten-Stümpern gehörig und erfolgreich aufräumten. Messer haben diese Lektion verinnerlicht. Zu den Bassläufen könnten sich bei aller Dunkelheit Sufis in Trance tanzen, die Gitarren schneiden ins Hörfleisch als würde man mit Speeren akupunktiert und das Schlagzeug ist 'ne Bank, die mehr kann und will, als sich möglichst schnell durch einen Song zu prügeln ("Was man sich selbst verspricht"). Und immer dann, wenn man sich gerade damit abgefunden gegeben hat, dass sich der Monotonie zu ergeben, sinnvoller sein könnte, vertreibt ein unerwartet-wunderschöner Harmonie-Wechsel die Regenwolken vom Musikhimmel. Nicht lange zwar, doch das dürfte wohl Absicht sein. Wohlfühl-Mucke geht anders. Zum Glück.
Aber nicht nur musikalisch setzen sich Messer wohltuend von vielen anderen ab. "Ich will nur einen Raum/ Mit einem Plattenspieler/ Eine Matratze und ein Buch/ Und ihr seht mich nie wieder" könnte aus dem Kontext gerissen auch von Sammy Deluxe stammen, der einen Koffer mit 15 Kilo Skunk auf der Straße gefunden hat. Tatsächlich ist das Zitat dem kürzesten der insgesamt 10 Tracks auf "Im Schwindel"entnommen. Dass "Fieberträume" aber eher mit Fieber und herzlich wenig mit Träumen zu tun hat, machen spätestens die letzten Zeilen des Anderthalb-Minüters klar: "Weckt mich ja nicht auf, lasst mich einfach liegen, ohne Euch in meiner Nähe, kann ich fliegen."
Vokabeln wie "Bullenschweine", "Scheiß-Staat" oder "Nazis kloppen" sucht man auf "Im Schwindel" vergebens. Mit Plakativität haben es die vier Herren von Messer nicht so wirklich. Überhaupt: gesellschaftskritisch zu sein, verwechseln Messer eben nicht wie so viele andere mit gesellschaftlichem Aktionismus oder dem Willen, irgendetwas Großes, wohlmöglich eine Art Revolution, anzuzetteln. Sie möchten privat sein dürfen und haben mit sich schon allerhand zu tun. Davon zeugt unter anderem auch die Gestaltung des Album-Covers. Messers Vogelscheuchigkeit spiegelt sich hier gekonnt wider. Darüber hinaus lässt sich nur spekulieren: Münster muss Messer mächtig auf den Keks gehen. Anders lässt sich der Rückzug in private Trauergefilde kaum erklären.

