Auch Perücken muss man frisieren – „Do To The Beast“ von The Afghan Whigs

The Afghan Whigs

Ob das eine gute Idee war? – 28 Jahre nach der Bandgründung und 16 Jahre nach dem vermeintlichen Ende eben jener Band dieselbe aus dem Wachkoma zu holen? – Für Greg Dulli-Fans (zu denen sich der Autor auch zählt) ist ja schon die Frage ein Affront. Ach Quatsch, pure Blasphemie. Mit "Do To The Beast" beweisen The Afghan Whigs immerhin, dass auch ihretwegen kein Fluss flussaufwärts fließt.

The Afghan Whigs
Do To The Beast
Sub Pop / Cargo Records
11. April 2014
6 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Aus dem stürmenden und drängenden Hedonisten Dulli, der von nichts je genug haben konnte und sich in seinen Texten genau deshalb vor allem über sich selber mokierte, ist ein 49-jähriger Rock’n’Roll Veteran mit einem chronischen Nasenscheidewand-Problem geworden, der inzwischen aussieht, wie Frank Black kurz vor dem ersten Fastenmonat seines Lebens. Aber nicht einmal dieser Körperschwamm kann verhindern, dass Dulli noch immer vor allem nach einem klingt: Dulli. Und so ist die Stimme des Sohnes eines erfolgreichen Zeitungsherausgebers wie schon auf sämtlichen The Afghan Whigs Alben davor, Schlüssel und roter Faden zu "Do To The Beast".

Dullis Rolle ist schwer überzubewerten. Ohne ihn stünden The Afghan Whigs vermutlich da wie Queen ohne Freddie Mercury. Aber auch der hat nicht ohne Brian May funktionieren können, dessen Pendant bei The Afghan Whigs wiederum das Gründungsmitglied und der Bassist John Curley ist. Laufen beide zu Hochform auf, wie beispielsweise auf den mit Abstand besten Tracks auf dem gesamten Album "Matamoros", "It Kills", "The Lottery" und "I Am Fire" ist es fast, als hätten die Afghan Whigs verschollene Aufnahmen von der mehr als 20 Jahre zurückliegenden "Gentlemen" Session wiederentdeckt, mit ein paar studio-technischen Tricks auf heute ab- und eingestimmt und fertig. Dullis selbstverachtender Groll, der unvermeidliche Groove und Sehnsuchts-Gitarren, nach denen sich selbst The Edge die Finger leckt – all diese Zutaten, die jene vier Songs zu etwas ganz besonderem machen, fehlen den restlichen sechs Kompositionen wie Michael Schumacher das Pisten-Glück.

Soundtechnisch zwischen den Black Keys und Arctic Monkeys sitzend, holen die Afghan Whigs zwar ordentlich Wumms aus den ansonsten roh klingenden Songs – besonders gut nachzuvollziehen auf dem bluesig shufflenden Album-Opener "Parked Outside". Das larmoyante "Algiers" hätten sie besser Calexico überlassen und die Spielereien mit dem Computerbeat wie auf "Can Rova" besser gleich ganz. Extra-Punkte gibt es höchstens noch für das abermals übermäßig gelungene Cover. Die Qualität des Argus-Auges, das Dulli, der ehemals zukünftige Nachrichten-Fotograf für die Gestaltung des Covers hatte, wünscht der Autor Dulli und Co für die Ohren.  

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