Axes of Soul – „Black Messiah“ von D’Angelo

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1995 setzte der damalig noch vollkommen unbefleckte Newcomer D’Angelo mit "Brown Sugar" ein Gerücht in die Welt, das er erst gut fünf Jahre später mit dem Instant-Klassiker "Voodoo" bestätigte: Soul war tatsächlich noch nicht tot. Dafür schien der Heilsbringer selber am Ende. Und das gleich 15 Jahre lang. Jetzt versucht er mit dem passend betitelten "Black Messiah" wieder aufzuerstehen.

D'Angelo
Black Messiah
RCA / Sony
15. Dezember 2014
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Was zu allererst verblüfft: Klangdesign-technisch schließt "Black Messiah" nahtlos an seinen 15 Jahre alten Vorgänger "Voodoo" an. Die kunstvoll (aber immer noch künstlich fabrizierte) Rohheit – bei Album-Opener "Ain’t That Easy" vor allem personifiziert durch die bluesig-groovenden Gitarren-Licks - nimmt allen Anbiederungs-Vorwürfen jeglichen Wind aus den Segeln. Stattdessen weckt D’Angelo mit dieser musikalisch gut begründeten Kompromisslosigkeit Erinnerung an bessere Prince-Tage und outet sich deutlich wie nie zuvor als Sly Stone Fan Boy.

Verwundern darf das niemand. Wenn sich D’Angelo überhaupt an irgendjemandem orientiert hat, dann ausschließlich an den Urhebern, Wegbereitern und Pionieren – kurz an den Erfindern selber. Und wie der Zufall es wollte, war der Großteil von denen vor D’Angelos Geburt aktiv; Nicht umsonst beginnt "Back To The Future" mit dem Geräusch, das eine Nadel macht, wenn sie Kontakt mit einer Schallplatte aufnimmt. Andererseits ist "Black Messiah" keine Retro-Scheibe. Wie auch schon mit "Voodoo", ist es D’Angelo und seinen prominenten Mitverwirklichern gelungen, mit diesem Album eine soundtechnische Parallelwelt heraufzubeschwören, in der sich die analoge Spielfreude aus früheren Zeiten und die gnadenlose Akkuratesse des Digitalen die Hände reichen und gemeinsam Polka tanzen. Oder wie soll man den Aussetzer bei Sekunde 30 des besten "Black Messiah" Songs – "Betray My Heart" – sonst erklären?   

Die vom Ton-Archäologen unterstellten Klang-Parallelen allerdings haben nur eingeschränkt mit D’Angelos charakteristischem Falsett zu tun. Entscheidender ist, dass Gitarren  - ob akustisch wie in "The Door" und "Really Love"  oder elektrisch wie bei "Till It’s Done" und "Betray My Heart" - im Klangkosmos des 40-jährigen relevanter sind denn je. Die Fender Rhodes Wärme ist zwar nicht verschwunden, genießt allerdings keine Prio mehr. Die essentielle, gut funktionierende Rhythmus-Sektion bestehend aus Schlagzeug und Bass macht den Boden fruchtbar für solide Klanggärtnerei mit Hilfe unzähliger Sechs-Saiter, mitreißender (aber noch hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibenden) Bläsersätze und dezent platzierter Besonderheiten wie den Streichern auf "Really Love".

Dennoch fehlt "Black Messiah", was "Voodoo" vom ersten Hören an ausgezeichnet hat: Wiedererkennbarkeit. Kein Song ist wirklich unfertig – sie lassen den in Aussicht stehenden Live-Interpretationen auf den großen Bühnen dieser Welt nur größtmöglichen interpretativen Spielraum. Dieser letzte finale Zuschnitt aber ist es, der eine beliebige geometrische Figur in Sachen Wiedererkennbarkeit von einem individuellen Gesicht unterscheidet. Gut möglich, dass das gesamte Album erst auf der Bühne, also live, zum Leben erwacht. 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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