Balafoniker unter sich – Kouyaté-Neermans “Skyscrapers & Deities”
Juni 5, 2012Es heißt Balafon. Nicht Ballerfon. Obwohl es im onomatopoetischen Sinn auch getrost Ballerfon heißen könnte. An der Linguistik aber dürfen sich andere abarbeiten. Hier geht es um Lansiné Kouyaté und David Neerman, zwei ganz unterschiedliche Balafon-Spieler, die gemeinsam das Album "Skyscrapers & Deities" veröffentlicht haben.
Kouyaté-Neerman
Skyscrapers & Deities
No Format / Alive
18. Mai 2012
Erhältlich bei:
Amazon | iTunes | Goodsie
Kaum zu glauben und trotzdem wahr: sowohl das Balafon als auch das Vibraphon gehören zu ein und derselben Instrumenten-Familie, den Balafonen bzw. Stabspielen. Während Kouyaté sich gewissermaßen des afrikanischen Prototypen bedient, dem hölzernen Ur-Balafon, ist Neerman ein Virtuose auf der neuweltlichen Variante aus Metall, dem Vibrafon. Dessen samtweiches Schillern gepaart mit dem warmen geräuschvollen Scheppern der Hölzer Kouyatés, das Neben-, Über-, Unter-, Vor-, Hinter und Miteinander dieser so distinkten und doch wie für einander geschaffenen Klangquellen ist ultimativ faszinierend und ganz großes Ohrenkino.
Was in keinem kleinen Maße daran liegt, dass Kouyaté und Neerman – Musik-Traditionen miteinander verheiraten wäre zu viel gesagt – die Symbiose weit über das schiere Klang-Erlebnis hinaus gelingt. Jazz mögen das die Puristen wohl nicht nennen. Selber schuld. Aber auch das Label Jazz Aus Afrika trifft es wohl kaum. Modern Mandingo Music schon gar nicht. Beide Schlag-Artisten meistern einen schmalen Grat, an dessen einem Abgrund spontanes Improvisieren zum Show-off-Gegniedel verkommt, während auf der anderen Seite gekonnte Repetition nur mehr langweilige Monotonie zu werden droht. Die Übung wird in Sachen Tonalität und harmonische Verhältnisse übrigens ebenso vorbildhaft absolviert: Urkontinentales und europäisches Tonmaterial verschmelzen, ohne dass der Ethno-Sound-Alarm anspringt. Dass Neerman eine Vorliebe für allerlei elektronische und damit klangverfremdende Spielereien pflegt, erweist sich als ein ebenso probates Mittel gegen die Stigmatisierung als Welt-Musik.
Nicht, dass Balafone nicht percussiv genug wären (eindrucksvoll nachzuhören bei "Djely", einem Duett zwischen den beiden Stabspielern, und "Diétou"), aber das rhythmische Grundgerüst liefern Bassist Antoine Simoni und David Aknin am Schlagzeug. Der Autor ist überzeugt, dass das Album ohne ihren Beitrag nicht veröffentlicht hätte werden können bzw. dürfen. Sie sind es, die den manchmal geradezu unweltlichen Klang-Exkursionen von Kouyaté und Neerman geben, was ohne sie fast fad wäre: Drive. Dass dieser in den besten Momenten wie der verrauchte Egypt-Jazz von Mulatu Astatkes Gnaden klingt, ist umso rechter. Und vielleicht sogar Absicht. Noch vielleichter war es auch die konsequente Weiterentwicklung einer Zusammenarbeit, die mit "Skyscrapers & Deities" bereits in die zweite Runde geht. Schon 2008 hatten Kouyaté und Neerman sich zu einem Album verabredet. Wo das aseptisch reine "Kangaba" allerdings eher den Eindruck machte, es sei in einem OP aufgenommen, steht der erdig-organische 70er Sound dem Quartett sehr viel besser zu Gesicht.
Und das gilt nicht nur für die einzige Cover-Version des Albums, dem von Charles Gainsbourg stammenden "Requiem Pour Un Con". Besonders hervorzuheben lohnt sich „Haiti“ – nicht, weil es mit seiner Spoken-Word-Performance von Anthony Joseph einen willkommenen und vollendeten Ausreißer aus dem sonst gänzlich instrumentalen Album darstellt – es zeigt auf sehr plastische Weise, wie mit minimalen Mitteln – in diesem Fall ein einziges Pattern – und einer geschickt dramatisierten Dynamik eine regelrechte Hymne entstehen kann. Nicht ganz so schön: die Spärlichkeit hat Auswirkungen auf die Gesamtalbumlänge – mit nur ca. 35 Minuten kommt die Klangsafari viel zu schnell an ihr – wie der Autor findet – vorzeitiges Ende. Das Gute im Schlechten: bei der Länge steigen die Chancen auf einen Vinyl-Release.
