Beides: Country & Western – „Nero“ von Ian Fisher

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Anglo-Sachsen, die in Europa bzw. in Deutschland ihr musikalisches Heil suchen? – Gibt es jede Menge: Tina Turner weiß ganz genau, dass man auf der Kölner Schäl Sick besser nicht wohnt, David Bowie, Depeche Mode und Joe Jackson könnten Touristen durch Berlin führen und Ian Fisher? – Hat den Weg in die deutsche Hauptstadt über Wien gefunden. Dass er sich in der Stadt zwischen BER und Tegel wohlfühlt, zeigt sein neues Album "Nero" – amerikanischer hat Fisher nie geklungen.

Ian Fisher
Nero
Snowstar / Popup / Cargo
 
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Bandcamp | Snowstar Shop

Und nein – das ist kein Widerspruch. Fisher steht in der Tradition des sowohl aufgeklärten als auch aufklärenden Bühnen-Barden. Er ist belesen, überdurchschnittlich allgemein gebildet und sieht die kapitalistische Moderne durch eine tief-schwarze Brille. Logisch, dass der mit seiner Heimat hadert. Logisch aber auch, dass sie – die Heimat – ihn nicht loslässt. Auf seinen bisherigen Veröffentlichungen als Junior konnte der exzeptionelle Sänger diesen Drang noch gut kaschieren. Für "Nero" konnte oder wollte er sich nicht mehr dagegen wehren.

Ganz platt formuliert ist Fishers Solo-Album eine Country-Scheibe, die mit anderen typisch und zutiefst amerikanischen Musiktraditionen flirtet und tändelt. "Almost Darlin'" ist ein The Band-Gedächtnis-Track wie er dem Autoren schon lange nicht mehr untergekommen ist. "Constant Vacation" klingt wie ein leichtfüßiger Jim Croce-Song (falls so etwas über "Bad, Bad Leroy Brown" überhaupt gibt), "Invisible Cities" und "Coming Down" hingegen wie die nie realisierte Zusammenarbeit zwischen eben jenem Croce und einer anderen großen Nummer im traditionellen US-Musikbetrieb: John Denver. Das magische Dreieck aus Klavier, (Steel-)Gitarre und Bass jedenfalls ist durch das ganze Album hindurch präsent.

Mindestens so präsent wie die andere wichtige Zutat, die "Nero" zu dem macht, was es ist: Fishers Texte, deren Mischung aus präziser Beobachtung, poetischer Selbstkasteiung und feinfühliger Subtilität einen ganz verrückt machen können. Dazu kommt, dass Fisher einer der wohl fähigsten und begabtesten, um nicht zu sagen besten Sänger seiner Generation ist - seine (noch) vergleichsweise geringe Popularität hin- oder her. Technisch über jeden Zweifel erhaben, scheint sein Repertoire an Griffen in die vokale Trickkiste unerschöpflich. Am Ende wie eine unwirkliche Mischung aus Michel Stipe, John Martyn, Colin Blunstone und Tracy Chapman klingend, bleibt einem nur ein staunendes: Chapeau!

Seine ganz eigene Lebensgeschichte – und auch das ist Teil der Country-Tradition – findet natürlich auch Eingang in "Nero". Und nirgendwo derart explizit wie im recht biographischen "Just Like A Stranger". Auf dem letzten Stück des Albums lässt Fisher durchblicken, dass auch er inzwischen glaubt: Um zurückzufinden, musst Du erst einmal weg gewesen sein. Wer weiß, wie lange es ihn in Berlin noch hält ...

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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