Betört, Verstört & Wieder Gehört – „Late Night Tales“ von Nils Frahm

Frahm, Nils

Man kann "4:33" von John Cage nicht covern. Man kann es interpretieren, aufführen und anderweitig darbieten. Aber nicht covern - wie sollte man Stille auch anders als still vertonen? – Nils Frahm hat es trotzdem getan. Es ist das erste Stück auf der von ihm kuratierten "Late Night Tales" Folge.

Nils Frahm
Late Night Tales
Late Night Tales / Rough Trade
11. September 2015
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Das Unmögliche zu wagen, oder noch besser, so zu tun, als sei es das Natürlichste der Welt, ist in diesem Fall also vor allem ein wirklich gelungener Publicity Stunt. Ansonsten haben die gefälligen Klaviernoten, die Frahm sich als Cover hat einfallen lassen, mit John Cages Kunst-Stück "4:33" nichts zu tun. Was sie nicht daran hindert, sich als passendes Intro für die noch folgenden 23 Tracks zu empfehlen. Wie? 23? Dreiundzwanzig! Die Ziffer allerdings täuscht. Etliche eher Ein- als Zweiminüter sowie einmal neun Sekunden von Nina Jurisch - Frahms Freundin - und einmal 48 von Four Tet blasen das Tracklisting (unnötig) auf.

Apropos: Allein der Blick auf Frahms Auswahl lässt erahnen, dass es hier nicht um übergangstechnische Nahtlosigkeit geht: Schellack-Mono-Aufnahmen vom singenden Cowboy Gene Autry, dem James Last Britanniens Victor Silvester und Rimski Korsakows "Hummelflug" in einer atemberaubenden Interpretation Vladimir Horowitz’ stehen hier Seit an Seit mit Rhythm & Sounds "Mango Drive" Proto-Dub, Boards of Canada Kiff-Hop und einer obskuren Nina Simone Live-Aufnahme. Mit Publikum und fast ohne Klavier. Das erledigt Frahm, der außer dem "4:33"-Cover auch noch seinen Solo Piano Edit von "Them" inkludiert, gleich selber. In Zeiten inflationärer Boiler- und Sonst-Was-Für-Rooms-Mixe sind diese Bandbreite und derartige Heterogenität per se ja ein gutes Zeichen ist. Wenn es aber nicht darum geht, Musik nach ihrer bpm-Zahl zu ordnen, worum geht es Frahm dann?

Schwer zu sagen. Der Mix-Not-Mix strotzt zwar nur so vor musikalischer Informiertheit, aber von feuilletonistischer Geilheit allein ist auch noch keiner glücklich geworden. Ist es Disruptivität, auf die Frahm aus war? Dass er keine geringe Ahnung von Musik hat, wäre nicht mehr zu beweisen gewesen. Insofern haftet seiner Late Night Tales Ausgabe jenes Geschmäckle an, das auch Lewis Hamiltons erste Musikveröffentlichung zusetzen wird: Hier fischt jemand in fremden Gewässern. Nicht, dass Frahm sich irgendeiner tatsächlichen Anmaßung schuldig gemacht hätte. Darüber hinaus wird die Frage eher sein, wie viele Hörer es mit dieser Herausforderung werden aufnehmen können und wollen, um dieser in einem zweiten Schritt dann das abzugewinnen, was Frahm möglicherweise im Sinn hatte.

Ein DJ-Mix ist die 42. Ausgabe der Late Night Tales Reihe mit Sicherheit nicht. Ein bloßes Song-Sammelsurium aber genauso wenig. Frahm mischt und masht Tracks über mehrere Minuten zusammen. Ganz besonders schön deutlich wird das bei den – aus Sicht des Autoren – beiden erstaunlichsten Cuts der Mix-Compilation überhaupt: Wie unterschwellig Saxophon-Zauberer Colin Stetsons "The Rightous Wrath of An Honorable Man" ab der Mitte von Johann Sebastian Bachs Choral "O Herr Bleibet Meine Freude" in der Interpretation vom Jahrtausend-Klavier-Virtuosen Dinu Lipatti hineingleitet, das ist schon ziemlich gut. Und der Rest der Scheibe eigentlich auch....

 Foto: Michal O'Neal

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