Jazz Für Alle – Bill Carrothers’ “Castaways”

Dezember 5, 2012

Mit Castaways veröffentlicht Bill Carrothers bereits sein siebtes Album auf dem Münchner Label Pirouet. Dabei waren zum Teil Sidemen wie Bill Stewart oder Gary Peacock prominenter, als der Namensgeber. Der Pianist ist tatsächlich niemand, der sich ins Rampenlicht drängelt. Vielmehr nutzt er seine musikalische und örtliche Abgeschiedenheit von der Jazz-Welt zu einer Schaffensenergie, die Ihresgleichen sucht. Klar: Viel ist nicht immer auch gut. Manchmal aber eben doch...


Bill Carrothers
Castaways

 

Pirouet / Edel
16. November 2012

 


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Castaways ist ohne Zweifel ein Meisterwerk. Der Begriff scheint in Anbetracht der Zartheit der Musik zwar fehl am Platze, ist aber trotzdem unumgänglich. Gerade in der Zurückgenommenheit der Kompositionen, der einzelnen Musiker und des formidable Gesamtklanges liegt die Größe dieser Musik. Im ewigen Spannungsfeld zwischen Selbstdarstellung und Selbstaufopferung zugunsten des Ganzen tendieren Bill CarrothersDrew Gress und Dré Pallemaerts auf diesem Album deutlich zu letzterer. Selbst die Soli fügen sich in die Stücke ein, als wären sie Teil der Komposition. So entsteht ein in sich ruhendes, zwar abwechslungsreiches, aber vor allem klanglich in sich stimmiges Album. Aufmunternd und entspannt swingend wird es durch Airborne mit der Leichtigkeit eröffnet, die dem Titel zusteht. Dabei sorgen insbesondere die geraden Achtel für einen angenehmen Drive ohne Bodenhaftung. Immer höher schwingt sich die Musik, bis das Trio die Köpfe nicht mehr in, sondern über den Wolken hat. Ein schöner, wenn auch überraschend kurzer Flug.

Nach diesem leichten Einstieg kommt das Trio gleich zur Sache: Siciliano stammt aus dem Cembalo-Konzert BWV 1053 von Johann Sebastian Bach. Und obwohl die Komposition geliehen ist, spürt man sehr deutlich, dass Bill Carrothers genau da zuhause ist. Das perlt wie Champagner, hat aber die geschmackliche Tiefe eines komplexen Whiskys. Toll! Drew Gress glänzt durch Zurückhaltung, bis er beweist, dass Bach und Bass-Solo besser zusammenpassen, als die Menschheit bislang glaubte. Doch vor allem Dré Pallemaerts gelingt, was erst wenige Schlagzeuger geschafft haben: Bei einem solchen Stück Impulse zu setzen, ohne die feine Struktur auch nur empfindlich zu stören. Fantastisch! Trees macht da weiter, wo sein Vorgänger aufgehört hat. Diesmal aus Bill Carrothers' eigener Feder, spielt das Stück mit Strukturen und der Stimmung barocker Musik. Dazu gesellen sich einige, wenn auch nicht viele Anleihen aus dem Neo-Barock des frühen 20. Jahrhunderts. Ein einfacher, zwischen Ober- und Unterstimme hin und her gereichter Puls macht den Zauber der Musik aus. In dieser Ruhe liegt nicht nur die Kraft, sondern auch eine eigentümlich triste, aber gleichzeitig optimistische Stimmung. Allein Dré Pallemaerts Spiel ist hier nicht so zwingend, wie im voran gegangenen Stück.

The Commons lockert die Stimmung wieder auf, ist leicht, fröhlich, vielleicht naiv. An dieser Stelle des Albums ist das eine willkommene Abwechslung, so dass man Bill Carrothers leicht den 80er Einschlag der Musik verzeihen kann. Die erhöhte Energie macht den Musikern offensichtlich Spaß, wenngleich man spürt, dass alle in den feinen, zurückgenommenen Stücken, die vorher zu hören waren, ihre musikalische Heimat haben. Der Titel Araby stammt aus der Geschichte The Dubliners von James Joyce. Vereinzelt verzieren arabisch anmutende Klänge die Melodie, das Schlagzeug malt das Bild einer Karawane, aber das alles passiert angenehm subtil. Wiederum liegt die Stärke sowohl der Musiker als auch der Komposition in der Feinfühligkeit. Bewegend!

Die zweite Hälfte des Albums wird von der Scottish Suite in drei Teilen dominiert. Der erste, Rebellion, beginnt mit einer schnarrenden Bordunquinte, die entfernt an Dudelsäcke erinnert. Die düstere Stimmung passt zum Thema, allerdings wird der eine oder andere eine weitaus aggressivere Assoziation zum Titel haben. Teil zwei, Oppression, kommt nicht so düster daher, wie man vermuten könnte. Er stellt vielmehr eine zeitweilige Macht- und Energielosigkeit dar, in der schon jede Menge Hoffnung enthalten ist. Und die trügt nicht: Teil drei, Rebirth, klingt freudig und energiegeladen, fast schon überschwänglich. Hier gibt das Trio dann auch erstmal geschlossen Vollgas. Das macht Spaß!

Zum Abschluss wird es noch mal bedächtig. Das Titelstück Castaways changiert emotional zwischen Selbstaufgabe und Optimismus, als wären das keine Widersprüche. Meisterhaft komponiert und ebenso gespielt. Drew Gress at his very best! Zart verklingt ein wunderschönes Album. Bill Carrothers ist hierzulande nur Eingeweihten bekannt. Das ist bedauerlich, denn seine Musik kann in ihrer Schlichtheit den Laien ebenso verzaubern, wie sie den Kenner fordert. Jazz für alle. Oder besser gesagt: einfach tolle Musik. Anhören. Zuhören. Weitersagen.

photo: konstantin kern

Posted by: christian
Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.
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