Weder Baum noch Borke – „Black Radio 2“ von Robert Glasper Experiment

Robert Glasper Experiment - CMS Source

Dass Jazz in den USA niemanden mehr hinterm Ofen hervorlockt, und damit dort fast noch unpopulärer ist als hierzulande Lacrosse, kümmert den als Jazz-Pianist zu Ruhm und Ansehen gekommenen Robert Glasper herzlich wenig. Folgerichtig ist "Black Radio 2" sein bislang un-jazzigstes Album.

Robert Glasper Experiment
Black Radio 2
Blue Note / Universal
25. Oktober 2013
4 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Was auch immer man von den Diskussionen um das traditionelle Kultur-Erbe Amerikas, den Einwürfen selbst ernannter Puristen vom Range eines Wynton Marsalis und den Reaktionen derjenigen, die derlei Reinheitsgebote für schlicht reaktionär und damit überflüssig befinden, halten mag – Robert Glasper und seine Musik bleiben im Gespräch. Und wenn es nur das ist, was er mit diversen überzogenen und auf Teufel komm raus polarisierenden Spitzen zu erreichen gedachte – Mission accomplished. Schade nur, dass es die markigen Worte überhaupt gebraucht hat – denn egal ob Jazz oder Jazz-Not-Jazz, "Black Radio 2" ist dudeliger Allerwelts-Wohlfühlpop von der belanglosesten Sorte.

Als Fortsetzung des Grammy bestückten ersten Teils "Black Radio" hat Glasper sich auch beim Sequel für mehr Kollaborationen und Features entschieden, als Tracks auf dem Album sind: 20 Gäste verteilt auf insgesamt 16 Tracks. Sich vor diesem Hintergrund klanglich zu profilieren, ist schon aus mathematischen Gründen keine ganz leichte Aufgabe. Dass Glasper ausschließlich auf Vokal-Partner aus dem R’n’B- und Hip-Hop-Umfeld setzt, erschwert die Identifizierung eines auf einem Künstler-Album idealerweise vorhandenen roten (Klang-)Fadens zusätzlich. Zum Bedauern des Rezensenten hilft es auch nichts, dass die einzigen Nicht-Kollaborationstracks am Anfang und Ende das Album wie eine Klammer fassen. Im Gegenteil: Die wenig gelungene sowie durch Möchtegern-Stolper-Rhythmus und Vocoder-Effekt verstümmelte Cover-Version des Bill Wither Klassikers "Lovely Day" stellt eine klassische Verschlimmbesserung dar. 

Was noch schwerer wiegt, ist, dass sich die restlichen 14 Songs auch nicht groß voneinander unterscheiden – vom Timbre des jeweiligen Gesangsgastes einmal abgesehen. Das meiste ertrinkt in einer vorwiegend mit dem Fender Rhodes angerührten Soße aus typischen Jazz-Harmoniken und den barocken Verzierungen der Vokalisten. Die Roots und Jill Scott, die natürlich auch einen Song trällern darf, haben das und Ähnliches alles schon vor mehr als 10 Jahren gemacht – nur besser. Und so eingängig die Single "I Stand Alone" sich auch geben mag – sie muss sich mit anderen Kopfnicker-Hymnen messen lassen können. Und gegen "New York State of Mind" hat Glaspers Song nicht den Hauch einer Chance. Vielleicht ist die Zeit ja reif für ein Ende dieses eh kaum erkenntnis-fördernden Palavers um die Realness und den öffentlichkeitswirksamen Anspruch von Jazz. Und wer will angesichts der Veröffentlichungen von Label-Kollegen wie José James und ganz besonders Gregory Porter noch vom angeblichen Tod des Jazz sprechen?  

Foto: Kamau Ware

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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