Blumen vom Arsch der Hölle – Kid Kopphausens „I“

In Hamburg ist es still geworden. Die großen Zeiten sind vorbei - für musikalische Ideen zumindest. Sogar das große Shanty-Geld wandert heutzutage nach Flensburg. Wären da nicht... Genau! So ein paar Wenige sorgen noch dafür, dass das Feuer nicht erlischt. Zwei davon heißen Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch. Oder kurz: Kid Kopphausen. Und I ist hoffentlich kein Buchstabe, sondern eine römische Zahl. Und damit der Aufbruch zu einer neuen Hamburger Schule...


Kid Kopphausen I

 

Trocadero / Indigo 24. August 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Zwei Singer/Songwriter tun sich zusammen, um etwas Gemeinsames zu erschaffen. Und das nicht aus wirtschaftlicher Berechnung, sondern aus Liebe zur Musik und Person des jeweils anderen. Gisbert zu Knyphausen schlug mit seinem selbstbetitelten Debüt 2008 so große Wellen, dass er 2009 als erster Künstler mit dem Hamburger Musikpreis HANS http://www.hans-hamburger-musikpreis.de/ geehrt wurde. Nils Koppruch - der rein biologisch Gisberts Vater sein könnte - hatte schon seit den 90ern mit der Gruppe Fink sechs Studioalben eingespielt, bevor er sich 2007 verselbstständigte. Und obwohl sich zu Knyphausen laut eigener Aussage http://www.laut.de/Kid-Kopphausen nicht viel mehr davon verspricht, als Musik zu machen, die ihm und Koppruch gefällt, ist es schon vom ersten Ton an schwer zu glauben, dass I nicht ein neues Kapitel in der Hamburger Musikgeschichte anfangen wird.

"Ich hab' im Krieg die Seiten gewechselt und kein Mensch hat mich vermisst"

Schon der Opener Hier Bin Ich macht klar, was den Zuhörer auf I erwartet. Bodenständige Gitarrenmusik im klassischen Bandformat mit einem sehr klaren Fokus auf die beiden Frontmänner. Dazu Texte, die mehr Fragen aufwerfen, als beantworten. Und noch etwas wird offensichtlich: hier sind fünf Musiker zu hören, die wissen, was sie tun und ihre Zeit gerne am Instrument verbringen. Kein "Wir können zwar nicht so gut, aber sind so real", sondern Musik von richtigen Musikern. Das tut gut. Doch so professionell das Line-Up sich auch präsentiert: eine für Studio gecastete Band ist das nicht. Man hört jedes gemeinsame Bier. Keiner spielt seinen Beitrag einfach nur so runter. So erhält das Album einen greifbaren, intimen, ehrlichen Charakter. Wäre das nicht, so würde es fehlen...

Der gemeinschaftliche Ansatz durchzieht das Album und die Herangehensweise von vorne bis hinten. Die Texte sind immer von beiden Sängern zusammen geschrieben, am Mikro wechseln sie sich ab. Und von fünf Musikern zu sprechen, ist nicht ganz richtig, denn am Mischpult geben sich Swen Meyer und Michael Schwabe die Klinke in die Hand. Und beide machen da keinen technischen Job, sondern tragen zur Musik bei - wie Bandkollegen. Zwei unterschiedliche Handschriften, die so gut zueinander passen, wie die beiden Agitatoren.

"Ich habe euch Blumen und Pralinen vom Arsch der Hölle mitgebracht"

Wie jedes Album hat auch I seine Höhepunkte. Auf die muss nicht lange gewartet werden. Schritt für Schritt - Stück 2 - gehört dank Nils Koppruchs Stimme zu den schönsten Stückchen Folk, die je in deutscher Sprache verfasst wurden. Das folgende Das Leichteste Der Welt wirft mit grandiosen Textzeilen um sich, als gäb's kein Morgen. Und dann kommt Im Westen Nichts Neues. Das hätte Hannes Wader selbst gerne geschrieben... Drei Überkracher unter den ersten vier Liedern. Andere hätten allein daraus schon zwei Alben gemacht.

Wenn Ich Dich Gefunden Habe fällt wieder in die Kategorie "Einfach schön". Wenn Der Wind Übers Dach Geht ist ein Weckruf, der das wundervoll gefällige Album davon abhält, selbstgefällig zu werden. Allerdings stehen alle treibenden Nummern auf I hinter den Balladen zurück. Da fehlt zu weilen noch ein bisschen Unbarmherzigkeit. Die schauspielerische Attitude passt nicht zu den beiden Charakterdarstellern. Und keiner der beiden hätte sie nötig. Die Mörderballade zeigt allerdings, was da noch an schönstem Dreck zu schaufeln ist. Mehr davon! Mit ein bisschen mehr Mut von Seiten der Produzenten. Und dann leitet Jeden Montag den Entspurt ein. Als Mischung aus Rio Reiser mit guter Laune, Hannes Wader auf Tee und R.P.S Lanrue auf IV (wenn das mal eine zufällige Parallele ist...). Enorm!

"Gott, wenn du meine Hilfe brauchst, dann bist du sie nicht wert"

I ist ein rundum gelungenes Album und ein bemerkenswertes Debüt. Die Texte sind toll und werden bestimmt noch etwas von der Holprigkeit verlieren, die hier und da zu spüren ist. Die Musik ist großartig und liebevoll gespielt. Und aufgenommen. Die Mischung der beiden Namensgeber passt wie Bottleneck auf Dobro. Das wird live ganz viel Spaß machen. Nach einer ausgedehnten Tour bleibt dann nur noch ein Wunsch offen: II, bitte!

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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