Boa?Peng! – „Loyalty“ von Phillip Boa & The Voodooclub

Dass Phillip Boa und seine Voodoo-Kumpanen im deutschen Pop-Rock-Zirkus eine einigermaßen einzigartige Rolle spielen, hat auch mit seinen einigermaßen unerreichten Erfolgen im englischen Pop-Rock-Circus zu tun. Wie es um diese Lorbeeren und ihr halbstattliches Alter von fast 25 Jahren angesichts der Veröffentlichung seines neuesten Albums bestellt ist, das soll "Loyalty" klären.


Phillip Boa And The Voodooclub Loyalty

 

Cargo Records 10. August 2012

 

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Bereits der Album-Opener "Black Symphony" macht deutlich, dass Boas Grundrezept nach wie vor hauptsächlich aus dem Kontrast zwischen melodischem Zuckerbrot auf der einen und der Pathos-Peitsche auf der anderen Seite besteht: Unter einem Himmel voller Synthie-Geigen prügelt sich eine Maschinen-Snare auf sämtlichen verfügbaren Viertel-Schlägen durch den Song. Kurz vor dem glücklicherweise nicht ausgefadetem Ende gniedelt eine Gitarre alles nieder, was der Tontechniker nicht schon gemutet hat, während Boas Stimme irgendwie authentisch aber nicht immer harmonisch astrein etwas von "Who Killed Ardono And His Lonely Heart" säuselt.

Was Theodor Wiesengrund wohl von "Lobster In The Fog" gehalten hätte, "welches laut Boa die Figur Adornos sein könnte, die hier wieder zwei Grundthemen sucht: Loyalität und Verrat"* lässt sich glücklicherweise nur mutmaßen. Die Musik spricht eine deutlichere Sprache: das vor rhythmischer Ereignisdichte beinahe kollabierende, stark elektro- aber eben nicht technoide Stück mit wirkungsvollen Breaks und mutigen harmonischen Wendungen macht anschaulich, was Boa auf einem einzigen Album unter seinem Namen alles unter ein und denselben Hut zu bekommen sich erlaubt. Schneid, setzen!

Und selbstverständlich trötet auch der Rest des Albums genau in diese Röhre. "Ernest 2" ist ein lupenreines Popjuwel, das sich mit seinem Mit-Sing-Refrain in jedem halbwegs funktionsfähigen Trommelfell verfängt; und könnte der Machart nach auch eine Kollaboration zwischen den Jeremy Days und Talking Heads sein – wäre da nicht diese nur ein Mü zu sehr in den Vordergrund gemischte Bassdrum. Zumindest in dieser Hinsicht besser gelungen ist die erste Single-Auskopplung "Loyalty"; als eine Melange aus dem Drive des Album-Openers und den "Ernest 2" Ohrwurm-Qualitäten erweist es sich tatsächlich als eine Art herausragende Ausnahme.

Die ist "Till The Day We Are Both Forgotten" auch – allerdings in anderer Beziehung: ein Cure-Song, der weder von Robert Smith komponiert noch interpretiert wurde, war dem Autor bislang nicht bekannt. Dass ein markantes Gitarren-Lick aus "When The Wall of Voodoo Breaks" nicht minder an "Boy Don’t Cry" erinnert, muss dann wohl Zufall sein. Diese als Kompliment gemeinte Unterstellung gilt in etwas abgewandelter Form auch für die wohl stärkste Nummer des Albums: "Your Are Beautiful And Strange". Gleichzeitig eine der wenigen Nummern, bei denen sich Boa und Sängerin Pia Lund so gut wie perfekt komplementieren. Ein Kunststück, dass auf dem rockigen "Want", dem in Teilen erstaunlich housigen "Sunny When It Rains" als auch auf dem ziemlich bratzigen "Under A Bomby Moon Soon" längst nicht so gut gelingt. Auch wenn man es kaum glauben mag - selbst nico-eskes will gelernt sein. Und das gilt natürlich erst recht für den teutonischen Akzent, den abzulegen mittlerweile möglicherweise beide inzwischen zu alt sind.

Mit "Loyalty" hat Boa wieder einmal gezeigt, dass die ganz großen Erfolge von vor 25 Jahren mitnichten ungerechtfertigt waren. Der Über-Wurf im hartingschen Sinne allerdings ist das neue Album genauso wenig. An Boas Experimentierfreude und musikalischem Freigeist kann sich der ein oder andere weit nach ihm Geborene dennoch gut und gerne zwei Scheiben abschneiden. Guten Appentit!

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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