Close Enough For Jazz – „Built On Glass“ von Chet Faker

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Ohne Frage – mit seinem Pseudonym setzt einen der australische Sänger, Produzent und Was-Weiß-Ich-Noch-Was zunächst auf die falsche Fährte. Die Verballhornung des Namens einer – wenn nicht sogar der – wichtigsten Figuren und Protagonisten des Jazz im 20. Jahrhundert reicht wegen seiner flachen Offensichtlichkeit bis kurz vor's Schenkelklopfer–Niveau. Chet Fakers Debüt "Built On Glas" jedoch enttäuscht sämtliche Befürchtungen auf Klang-Karneval auf derart gründliche und grandiose Weise, dass man ihm am liebsten mit ein paar Ideen für andere Projekt-Pseudonyme um den Hals fiele: Robert Calmer, Mick Jogger, Haul McCartney.

Chet Faker
Built On Glass
Pias Coop / Future Classic / Rrough Trade
11. April 2014
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Um Standortfragen gar nicht erst aufkommen zu lassen – der Sound von Chet Fakers One-Man-Band ist eine digital-analoge Melange, wie sie mit einem Schuss Robin Thicke ("Dead Body"), zwei Löffeln Alt-J ("Gold") und einer Prise Kwes auch Kruder und Dorfmeister ("Blush") schmecken würde. In einem Wort: Modern Pop. Dass Faker damit auch Nähe zu Mattafix beweist, ist nicht weiter schlimm – so gesehen bildet der "Big City Life"-Sänger die Kehrseite der Faker-Medaille. Wo man das hören können soll? – Immer dann, wenn Faker sein Jazz-Erbe unter den Teppich zu kehren versucht -  also eigentlich nur bei "To Me".

Und gar nicht so langsam reift im Autoren die Überzeugung, dass der gesamte Eingangsparagraph von rechts wegen gestrichen gehört. Bis auf die genannte Ausnahme und das 20-sekündige Interlude "/" gilt für die restlichen 10 Titel des Albums: Jazziger kann man eine Pop-Platte unter Einsatz aller modernen Klangmittel und –Wege gar nicht machen. Die Atmosphäre, die Faker mit den sich sehnsüchtig in Richtung 1970er Jahre klingenden Fender kreiert ("Release Your Problems", "Melt", "Lessons In Patience") wäre nicht nur der passende Soundtrack für eine Dia-Show legendärer Schwarz-Weiß-Portraits von Francis Wolff. Chet Faker reiht sich damit ein in die Phalanx der Blue-Eyed Soul Größen wie Michael Franks, Boz Scaggs und Ned Doheny. Und als wär das nicht schon genug, zeigt er Hot Chip Sänger Alexis Taylor mit "Gold", was er besser hätte tun sollen, anstelle William Onyeabor zu covern.

"Built on Glass" ist, nach allem, was man den vorangegangenen Zeilen entnehmen kann, ein mehr als nur empfehlenswertes Album. Den Autoren regelrecht vom Hocker aber haut "1998". Ein Jahrhundert-Song, der es fertig bringt, den Gesetzen populärer Musik gleichzeitig zu folgen und sie gleichzeitig aus den Angeln zu heben. Und zwar über die gesamte Länge von gut sechs Minuten. 

Foto: Lisa Frieling 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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