Compile Up The Wood – Modeselektion Vol. 2 lässt alles anbrennen

„Kennen wir uns?“ - „Wir sind Nachbarn.“ - „Komisch, hab dich noch nie hier gesehen...“ - „Kann sein, ich wohne drei Blocks weiter. Könntest du vielleicht ein bisschen Bass rausdrehen? Bei mir klirren die Schnapsgläser im Schrank.“ - „Ja, klar.“ - „Oder kann ich mithören?“ - „Gerne! Bier?“ - „Es ist zehn Uhr morgens...“ - „Richtig.“ - „Ja, gerne. Was hören wir denn da?“


Modeselektor Modeselektion Vol. 02

 

Monkeytown Records 29. Juni 2012

 

Erhältlich auf: Vinyl | CD | Download


Wahrscheinlich Modeselektion Vol. 2, mit der die altgedienten Haudegen von Modeselektor prophezeien, wie es mit bassverliebter Musik weitergehen wird. Und neue Nachbarschaftverhältnisse über ungeahnte Entfernungen erschaffen. Leicht vorstellbar, das ein Dialog, wie der eingangs erwähnte, sich tatsächlich abspielen wird. Schon die erste Ausgabe, also Vol. 1, auf ihrem Label Monkeytown Records war ein Who-Is-Who der aufstrebenden Dubstep Szene. Nun ist Dubstep längst im Mainstream angekommmen und erfreut sich einer genreübergreifenden Fangemeinde von Minimalfreak bis Metalhead. Diesmal zeigt die Compilation, wie weit ab vom Schuss Dubstep und verwandte Künste immer noch sein können. So wenig sommerlich hat schon lange nichts mehr geklungen. Und doch passt die Musik zum düster-schwülen Wetter wie Arsch auf Grundeis!

Auch wenn immer mal wieder verträumte und fast fröhliche Melodieschnipsel das Klanggebilde auffrischen, bleibt Modeselektion Vol. 2 Musik für Katakomben. Tief unten, heiß, feucht und dunkel. Es handelt sich nicht nur um einen Querschnitt durch das, was Gernot Bronsert und Sebastian Szary gerne hören und veröffentlichen wollen, sondern um ein bogenspannendes Gesamtkonzept, bei dem es durchaus schade ist, dass es nicht als DJ-Mix erschienen ist. Ihrer Liebe zu allem, was wummert und abgelegene Pfade beschreitet, bleiben die Djs und Labelmacher treu. Der Zusammenhalt der Stücke ist allerdings viel zwingender, als von Modeselektor gewohnt. Sind die beiden nach der zusammenarbeit mit Sascha Ring alias Apparat etwa doch noch erwachsen geworden? Ihren Spieltrieb haben sie auf jeden Fall nicht verloren.

Den Auftakt machen Egyptrixx mit „Levitate“. Ein Klanggewitter mit Bombermotorenlärm und allerlei stählernen Sounds. Dieses Monster macht von Anfang an keine Gefangenen und hätte auch gut als Soundtrack der Fliegeralarmszenen in Pink Floyds The Wall dienen können. Monolakes Hitting The Surface im Electric Indigo Edit macht stimmungstechnisch genau da weiter. Etwas gemächlicher und klassischer, aber mit viel Tiefe und tollen perkussiven Klängen.

Addison Groove bringen mit "Manic Miner" dann etwas Erleichterung. Solcherlei Abwechslung zwischen trocken Groovendem mit dicken Tomtoms und harten Raveeinlagen, die mit dem großen Zeh schon die Grenze des guten Geschmacks übertreten, kennt man eher aus dem Hause Dirty Bird. Und das mit einem Bass, der sich nicht so sehr als Klang, viel mehr als Luftwellen manifestiert. Krass. Bambounous "Pixel" schließt sich dem erstklassig an. Auch 808-basiert, noch ein bisschen brachialer groovend und mit einem erhebenden Stringbreak!

Clarks Nordic Wilt weird, brachial, lädt zu hysterischen Schreitänzen ein. Lädt ein? Nein! Wildes Hopsen und aus voller Brust gröhlen sind die einzigen Therapiemöglichkeiten für derartige Druck- und Alles-Andere-Überlastung! „To wilt under pressure“ heißt übrigens „Dem Druck nachgeben“. Genau. Und auf der Schiene geht’s dann auch gleich weiter. Noch weiter. Mouse On Mars bringen mit Humoslab Epileptiker und Herzschrittmacher in ernsthafte Gefahr.

Lazor Swords Landscape beschreibt eine Landschaft gottleugnend hoher, im abendlichen Sonnenlicht gleißender Wolkenkratzer. Kennt zufällig jemand den Film Sliver? Im gleichen Edelpornosoundtrack Fahrwasser schwimmt Phon.os Fukushima. Was der Titel soll? Das klingt dann doch etwas zu schön für eine derartige Assoziation... Aber schön allemal.

Sound Pellegrino Thermal Team führen mit Activate zurück zum Weirden und zeigen, was passiert, wenn wirre Wissenschaftler zusammenbasteln, was beim besten Willen nicht zusammengehört und dann ohne ausreichende Sicherheitstest den Activate-Button drücken. Wer sich einen Überblick über verschiedene Trends und Antitrends der letzten 40 Jahre verschaffen will, liegt hier genau richtig.

Dark Skys Ruk hält sich in Sachen durchgeknallt zwar etwas zurück, ist aber ein schön bouncender Acid Track. Auch Diamond Versions ModeOperator (Beispiel A) macht seinem sehr sachlichen Titel alle Ehre und lässt etwas Euphorie vermissen. Das ist allerdings ein Kontextproblem. Im Gegensatz zu den anderen Tracks der Compilation präsentiert er sich etwas abwechslungsarm, ist aber ein tiefer bratzender Industrialstep Kracher allererster Güte.

Zurück zur Tagesordnung führen Prefuse 73 und lassen in Death By Barber Pt.1 (Haircut Zero) ganz im Geiste des Vintage-Grooves mal wieder Bongwasser gluckern. Hach, wie in der Guten Alten Zeit... Nur die Störgeräusche und das Line-Up zusammengewürfelter Sounds klingt zuweilen eher nach Speed als nach Weed. Frikstailers' Sudaka Invasor öffnet dann das Spektrum gleichzeitig mehr zu kennen-wir-und-mögen-wir als auch zu darf-man-das(?). Ganz trockenen Djembés knacken über einem vollasigen Elektrohouse-Synth und dazu gibt kleinstzerschnibbelte Fetzen eines Dub-MCs.

Am meisten überrascht Siriusmo. Nach anfänglich großartigen Soundexperimenten im Kinderzimmerstil hatte der sich doch gerade erst in Richtung Mainstream verabschiedet. Nun bekommt er das beides unter einen Hut und was wird daraus? Ein heilloses Durcheinander aus verspielt, prollig, verträumt und aggro. Kinder, nehmt keine Drogen! Hört mehr Mo! Zum Beispiel Modern Talk.

Die Trommeln und die bombastischen Steicher in Jan Drivers Distorsione for Strings erinnern dann wiederum eher an The Prodiys Skylined. Geklaut ist das auf keinen Fall. Inspiration heißt das. Was da an Tiefendruck herumpulsiert, gab es im Original noch nicht. Mit harten Bass-Sounds schließt Observing The Patterns von Anstam gleich an und läutet so das halbwegs tröstliche Ende einer Reise durch die Keller des Erdenballs ein. Und endet viel zu schnell mit der verklärten Erinnerung an damals, als noch so richte geraved wurde.

Die Kurze Outro des letzten Tracks lässt den Hörer derart im Regen stehen, dass endgültig klar wird: Modeselektion Vol. 2 hört sich nicht an, wie eine Labelcompilation, sondern wie ein Werk in it's own right. Trotzdem verkündet es: die Monkeytown bleibt bewohnt, es wird noch einiges kommen. Seid versichert, seid gewarnt, seid bereit. Vol. 2 ist ein Sud aus Zukunftsträchtigem, der unverdünnt nur schwer zu verdauen ist. Selbst eingefleischte Musik-Junkies werden die Stille danach genießen. Vielleicht einen kleinen Spaziergang machen. Oder einfach nur sitzen. „Tee?“ - „Gerne“ - „Geht's dir wieder gut?“ - „Geht so. Ich glaube, ich werde krank.“ - „Keine Angst. Das ist kein Magendarminfekt, das ist Bass.“

photo: ben de biel

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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