Darauf einen Reim – „Poems For Kui“ von Orph

Kostüme sind immer schwierig. Von Kiss und Rondo Veneziano, über Gwar und Army of Lovers bis zu Lady Gaga und Manowar hat die Popgeschichte gelehrt: Für den ersten Eindruck kommt jede zweite Chance zu spät. Anfänglich halten sich Schock und Faszination noch die Waage. Und dann kommt die Erklärungsnot mit Sieben-Meilen-Stiefeln. Rechtfertigungsdruck herrscht jedenfalls immer


Orph Poems For Kui

 

Devilduck / Indigo 18. Mai 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Vielleicht aber bestätigen Orph nur die berühmte Ausnahmeregel. Immerhin gibt es den Weimarer Vierer schon seit über fünf Jahren. Sie selber scheinen ihres Kostüm-Musik-Films noch längst nicht überdrüssig. Zuverlässig extraordinär gelangen denn auch die Presse-Bilder der Band (siehe oben). Laut Aussage ihrer Hamburger Plattenfirma auch nur Teil eines Konzepts, das vom Label zwar hingenommen, aber kaum durchdrungen wird. Dem Label-Biographen Oliver Goldt muss es ähnlich ergangen sein. Statt einer Band-Biografie, stichpunktartigen Informationen zum Werdegang der Band oder den Lieblingsfarben ihrer Mitglieder – den so genannten Hard-Facts – findet sich auf der entsprechenden Seite nur verschwurbelte Stechapfellyrik, die gern magischer Realismus wäre; wahrscheinlich ist’s aber nur eine Rohfassung eines Günter Grass Gedichtes.

Soviel jedenfalls zum theoretischen Überbau. Die Band selber gibt sich nüchterner. Die Fassade soll helfen, den Hörer mitzunehmen. Auf dass er sich einlasse auf die teilweise großartige, oft eingängige, nie aber triviale Mischung aus einer musikalischen Bandbreite, die manch einer ein ganzes Oeuvre lang vermissen lässt. Und das braucht es auch. Denn vieles mag mit und durch "Poems For Kui" gehen – nur Nebenbei-Hören, das funktioniert nicht. Zu heterogen der Musikkatalog, zu fordernd und ungewohnt die Strukturen einzelner Songs. Wer daraus schließt, dass dann ja für jeden etwas dabei sein müsste, wird sich über diesen Holzweg noch wundern.

Droniger Fast-Noise wie auf "Sprung In Die Wolken" paart sich mit rhythmisch arrangierten Soundscapes wie bei "Der Sprechende Berg" und "Rote See Dein Herz". Und diese instrumentalen Stücke wieder stehen Seit an Seit mit "Birth & Requiem", für das Orph die David Byrne-Gedächtnismedaille erhalten könnten; "Eight Hundred Miles", ein durch den Wave-Wolf gedrehten Doors-Stampfer; "Morgue – Die Unbekannte Aus Der Seine" melangiert Cutting Crew mit Mika. Bei "Mistake" handelt es sich wohl um eine  bislang unentdeckte Paradise Lost-Ballade, während "Laura" Band Folds Five mit Lou Reed verwechselt. Und von "The King’s Garden" müsste es schon längst einen Henrik Schwarz Remix geben.

Als wären all diese Marschrichtungen nicht schon allerhand, schummeln sich mit "Love Songs For Kui" und "The Cassiopeian Song" zwei Songs auf Album, die einfach noch anderer sind. Ersterer erinnert an ein Doppelkonzert von Bonaparte und Shantels Bucovina und ist nicht zuletzt deswegen durchaus single-tauglich. "The Cassiopeian Song" aber sichert sich trotz des Blinder-Passagier-Status die Auszeichnung für den wertvollsten Song des Albums. Er ist wie die Postkarte, auf die Jamie Foxx als Taxifahrer in "Collateral" immer dann starrt, wenn er Urlaub machen möchte – eine Auszeit, ein inneres Exil. Und sei es auch nur für 5 Minuten, 4:25, um genau zu sein.

Von der mystischen Überfrachtung und der suboptimalen Produktion abgesehen, ist Orph mit "Poems For Kui" ein klitzekleines Meisterwerk gelungen, das nicht nur Lust auf Mehr, sondern vor allem Lust auf Live macht. Wo immer Kui liegen mag, guten Sound scheinen die da massenhaft zu haben ...

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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