Das kostet die Welt – „Die Vergessenen“ von Rocko Schamoni

Rocko Schamoni

Von allen bundesrepublikanischen Blödel-Barden ist der als Rocko Schamoni längst ins kulturelle Kollektivgedächtnis übergegangene Tobias Albrecht noch immer der Coolste. Und das liegt eindeutig an seiner Emotionalität. Wie das sein kann und warum das kein Widerspruch ist, beweisen er und das L’Orchestre Mirage auf dem Konzept-Cover-Album "Die Vergessenen". 

Rocko Schamoni
Die Vergessenen
Staatsakt / Universal
22. Mai 2015
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Hanseplatte

Die Idee zu einer Art Asservatenkammer für die wenigen Beweise, die belegen, dass deutschsprachige Pop-Kunst doch nicht so Scheiße ist, wie Helene Fischer, Santiano und Bushido die Welt glauben machen wollen, ist ganz schön alt. Vor zwei Jahren schon hatte Schamoni eine Crowdfunding-Kampagne (das heißt wirklich so) aufgesetzt und die Mittel, die ihm für die Produktion eines solchen Tonträgers vorschwebten in bester Investoren-Pitcher-Manier und sehr erfolgreich privat eingetrieben: Schlappe 41.701,- Euro. Anders als Sven Regener, dem großen und inzwischen auch dicken verbitterten Mann  des deutschen High-Brow-Pop, ist Schamoni an den sich verändernden Gegebenheiten der Musik-an-Mann-und-Frau-Bringung nicht verzweifelt. Stattdessen nutzt er sie, wo es ihm hilft. Und lässt ansonsten die Finger davon.

Cover-Alben sind im Prinzip nichts Ungewöhnliches. Sogar der Regener und seine Truppe haben schon eins im Kasten. Cover-Alben, die auf denen sich nicht ganz un-obskure Künstler um an Obskurität nicht zu überbietenden Covern abarbeiten, allerdings schon. Erst recht, wenn sie die offensichtliche Not mit Hilfe des Meta-Konzepts "Die Vergessene" in eine Tugend ummünzen. Zusammen mit dem Orchesterleiter seines Vertrauens, Sebastian Hoffmann, hat sich Schamoni durch verlassene Schächte und Gruben des deutschsprachigen Pop-Tagebaus gewühlt und acht Fundstücke für ein imaginäres Endlager gerettet. Und King Rocko wäre nicht King Rocko würde seine rote Liste der vom Aussterben bedrohten Liedgüter nicht tatsächlich Songperlen enthalten, bei denen sich ausnahmslos alle Hörer fragen: Wie soll man nicht vergessen, was man nicht kennt?

Dabei sind längst nicht alle Stücke auf "Die Vergessenen" so antiquarisch wie Manfred Krugs "Früh War Der Tag Erwacht" (Ist das Toots Thielemans an der Mundharmonika) – von den instrumentalen Soundtrack-Appropriationen (Ennio Morricone, John Barry , Caetano Veloso) abgesehen. Mit Guz, Saal 2 und auch den Lassie Singers vereinigt Schamoni vor allem Früh-Neunziger bis -Nuller Pop-Intellekt. Und dass es dafür kaum ein passenderen Interpreten als den zukünftigen Ex-Pudel-Besitzers geben könnte, das zeigen die beiden Eigenkompositionen "Angela" und "Schmerzen" – bruchstellenfrei und komplett nahtlos fügen sich die eigenen Werke dem Duktus des Album-Rahmens. Und der wiederum ist nicht denkbar ohne das großartige Orchester Mirage. In Wahrheit eher eine Big-Band als Orchester, sitzt aber jedes noch so kleine Tönchen des von Sebastian Hofmann geleiteten Klangkörpers. Die Arrangements sind schmissig, schlüssig und haben nur ein Ziel: Dem Song so viel Bühne zu geben wie nur möglich. Im Falle von Manfred Krug – im Original ein kitschig-komischer Euro-Bossa – macht der Gerdeaus-Backbeat sogar noch eine Schwachstelle der eigentlichen Urheber wett. Großes Tennis. Und live wahrscheinlich ein Grand Slam. Unbedingt empfohlen!

Foto: Kerstin Behrendt

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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