Von Haupt- und Bläsersätzen – „Das Rote Album“ von Moop Mama

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Soso. "Auslandsreisen im Auftrag des Goethe-Instituts", steht da nicht einmal zwischen den Zeilen der Musik-Bedienungsanleitung. Was auch immer man vom modernen Kultur-Kolonialismus halten mag – die Goethe-Genossen schicken ja keinen Schrott auf die Seidenstraße. Mit "Das Rote Album" setzen Moop Mama diesem Ritterschlag die Krone auf.

Moop Mama
Das Rote Album
Millaphon / Broken Silence
01. November 2013
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Apropos Promotion: Im Zusammenhang mit dem Zehner aus München ist immer wieder von Urban Brass zu lesen. Ob das wegen Trombone Shorty, dem Hypnotic Brass Ensemble oder beiden zusammen ist, lässt sich schwer ausmachen. Jedenfalls bleibt auch Urban Brass (weiß jemand genau, was das sein soll?) Brass, also Blechblasmusik. Mit zwei Saxophonen an Bord sind Moop Mama ungefähr so Brass wie Kraftwerk unplugged. Aber egal – ginge es allein nach dem Album-Opener "Kilometerfressen", müsste man ehrlicherweise von No Brass sprechen: Blasinstrumente – weder Holz noch Blech -  sucht das Ohr die ersten drei Minuten lang vergeblich. Die nutzt dafür MC Keno Langbein als wären es seine letzten – mit Technik, Flow und Textinhalten lässt er die meisten anderen Rapper im Regen stehen, als wären sie Toast. Schnell wie Flexis, gewitzt wie Dende und rhetorisch keinen Deut weniger brillant als Textor, findet sich kaum ein passenderer Frontmann für das noch immer nicht ganz risikofreie Experiment mit Namen "Acoustic Hip Hop".

Anders als bei den mit einer klassischen Rhythmus-Combo ausgestatteten Roots nämlich, rücken Moop Mama vor allem ihrer Bläser wegen in eine Ecke, in die man vor sehr langer Zeit auch die Jazzkantine gestellt hat. Dass Langbein Aleksey Schneider und Schwarz spielt, ist das eine. Dass Moop Mama nicht einen einzigen Takt lang der Gefahr erliegen, sich als überakademisierte Musiknerds zu inszenieren und wem auch immer etwas von Hochkultur erzählen wollen, das ist das andere; und der wohltuende Unterschied zu der ebenso verdrogten wie verkopften Jazzkantine. Das gilt sogar für das instrumentale Interlude "L.B." (Leonard Bernstein? – Lieber Brandenburg? – Light Beer?). Statt zwischen allen Genre-Stühle, setzen sich die Moop Mama Bläser in die Reihe hinter den modernen Big Bands; angefangen bei Maria Schneider, über die Jazz Big Band Graz bis hin zu Claudio Puntins Berge Versetzen.

Aber (das kommt ja irgendwann immer) – auch bei Moop Mama ist nicht als Big, was sich Band schimpft. So fällt "Wunderheiler" ein wenig unangenehm aus dem Rahmen  - und das nicht nur wegen der Zweisprachigkeit. Und auch wenn es zum Hüte ziehen ist, dass sich Keno überhaupt traut, sich den Gesellschaftskritik-Schuh anzuziehen – nicht immer gelingt mit der Unmutsäußerung eine Punktlandung: "Taler Unser" ist reichlich plakativ. "Werbepause" funktioniert als Instrumental vielleicht sogar noch besser (was soll der Radiostimmen-Effekt?). Und obwohl "Latte Macchiato" als primus inter pares heraussticht – so langsam ist das Thema Gentrifizierung sogar in Schwedt angekommen. Wirklich gelungen ist in dieser Hinsicht aber "Roboter" – eine zum Schaudern schaurige Dystopie auf eine Zukunft in der ach so breiten Mittelklasse. Wer weiß – vielleicht muss man Moop Mama hören, damit die Wirklichkeit, die uns bevorsteht, an Schrecken verliert. Aber selbst, wenn das nicht passieren sollte – Moop Mamas "Das Rote Album" wird auch in schlechten Zeiten gut klingen. 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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