Denkmalspflege – „Alternative Light Source“ von Leftfield

Leftfield_Dan_Wilton_With_Flare

Dass ein Album wie "Rhythm & Stealth" die Pole-Position der Album-Charts belegen könnte, scheint aus heutiger Sicht unvorstellbar: Die Songs zu lang, der Sound roh und unerbittlich, die ganze Attitüde so anschmiegsam wie auf’m Kasernenhof. Der oft propagierte Gute-Laune-Hedonismus hätte kaum weiter entfernt sein können. 16 Jahre später greifen Leftfield mit "Alternative Light Source" erneut an.

Leftfield
Alternative Light Source
Infectious Music UK / BMG Rights Mngmt / Pias / Rough Trade
05. Juni 2018
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Eigentlich müsst es heißen: ... greift erneut an. Denn aus dem vormaligen Duo, bestehend aus Neil Barnes und Paul Daley, ist nur noch Barnes übrig. Daley räumt seinen Solo-Aktivitäten höhere Priorität ein. Das ist – ganz nebenbei – bereits seit 2010 der Status Quo, also seit Barnes’ Entscheidung, das Projekt Leftfield nach dem vorzeitigen Ende 2002 aus dem Keller zu holen und entsprechend zu entstauben. Angesichts dieser Entwicklungen rückt die eigentliche Dauer der Absenz im Pop-Zirkus ohne tatsächliche Neuveröffentlichung – schlappe 16 Jahre - geradezu in den Hintergrund. Die drei Tenöre treten ja auch nicht zu zweit auf.

Allen mehr oder minder qualifizierten Unkenrufen zum Trotz: Mit "Alternative Light Source" liefert Barnes eine erstens typische und zweitens deswegen überzeugende Leftfield-Platte ab - auch ohne seinen kongenialen Partner Daley. Das zeigt schon der Album-Opener "Bad Radio": Ein wuchtiger, in Teilen an Moderats "Bad Kingdom" erinnernder Rhythmus irgendwo zwischen Elektro und Breakbeat, der stoisch seine Kreise zieht, bis die wenigen anderen Klangzutaten unisono knarzen. Brechstange als Metapher ist hier nicht nur ein überstrapaziertes Klischee, sondern auch schlicht falsch. Dampframme trifft es besser – ein Bild, das ebenso auf die erste Single-Auskopplung "Universal Everything" zutrifft. Könnte man sich eine Kreuzung aus den High-Brow-Beats eines Jon Hopkins und den Abriss-Signalen von Slam denken – das Ergebnis käme den Sounds auf "Alternative Light Source" wohl ziemlich nahe.

Erstaunlich ist darüber hinaus, dass es Barnes gelungen ist, die Leftfield’sche Gastvokalisten-Tradition derart konsistent in die Gegenwart zu retten. Das Erbe von Roots Manuva, Nicole Willis und John Lydon übernehmen auf "Alternative Light Source" Tunde Adebimpe von TV On The Radio, Channy Leaneagh und die Sleaford Mods. Letztere klingen zwar wie unveröffentlichte The Streets Aufnahmen – überzeugen können die beiden trotzdem.

Und so vollbringt Barnes das kleine Wunder, die vormals gemeinsam betriebene und längst zu einer Instanz gewachsenen Ikone Leftfield um ein weiteres authentisches  Kapitel Musik zu bereichern. Wenn auch um den Preis, eine längst überholte Klangformel erneut in Stellung zu bringen. Denn bei aller Qualität, die Barnes abliefert – klanggestalterisch innovativ geht anders. Den dunklen, vor allem von Dub und elektroidem Breakbeat geprägten Sound frischt der übrig gebliebene Leftfielder gekonnt für 2015 auf. Ob die gemäßigteren Beiträge auf "Alternative Light Source2 – "Dark Matters" & "Storm’s End" - deswegen nicht so umhauen wie beispielsweise "El Cid"  oder "Swords"? Oder ob der Midas-Touch vom Mitstreiter Paul Daley dafür der Grund ist? – Egal: Wem "Leftism" und "Rhythm & Stealth" ins Ohr ging, wird sich auch mit "Alternative Light Source" leichttun. 

Foto: Dan Wilton

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.