Derbe! – Alexander Knappe live im Heimathafen Neukölln

Konzertverlegungen kommen selten gut. Je kurzfristiger desto weniger. Und ganz besonders schlimm wird es, wenn sich der Live-Act etwas anmerken lässt. Was nicht zu tun in diesem Fall eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. Alexander Knappe hat es trotzdem gewuppt. Ja, und nicht nur das. Sein Auftritt machte den größten Teil des Publikums vergessen, dass der ganze Abend eigentlich ander geplant gewesen war.

Wenigstens der Name stimmte: Heimathafen. Dass die Auftaktveranstaltung für Knappes Kurz-Tour durch Deutschland in seinem jetzigen Zuhause Berlin stattfand, hat damit auch zu tun. Wesentlicher aber ist, dass der Heimatmensch Knappe diesen oft auch, aber selten nur geographischen Bezugspunkt braucht, damit lebt und davon zehrt. Zuhause kann vieles sein. Aber irgendwas muss es sein. Nicht zufällig tragen seine ersten beiden Single-Auskopplungen eben jenes Wörtchen im Titel. Was auch immer seine Heimatgefühle mit Knappe selber machen – auf’s Publikum wirkt seine Verbundenheit erdend, grundsympathisch, authentisch.

Und zwar auch dann, wenn Knappe und Band jeden Grund der Welt hätten, die beleidigte Leberwurst zu spielen. Stattdessen springt Knappe pünktlich um halb zehn auf die Bühne und erklärt fröhlich: "Wir fangen nicht an, bevor Ihr nicht alle direkt hier vorne steht." Wirken tut er dabei, als spräche er zu gefühlten 120.000 Fans, die auf einer riesigen Wiese erst noch aus ihren Zelten kriechen müssten. Weil es aber in Wahrheit doch nicht ganz so viele sind, geht es dann mit "Meilenstein" zügigst los. Mit dem dritten Song "Wunderwerk" kann der Abend den ersten Höhepunkt abhaken. Dass der Sänger auf die Zeile "Sie ist ein Wunderwerk, doch bin ich ihr ein Wunder wert" ein kleines bisschen stolz ist, geht klar. Dass er es ein um’s anderen Mal mit den großen Posen vorsichtig übertreibt, nicht ganz so. Überhaupt: Innehalten, Verweilen, Insichkehren – diesen Teil der Bühnenshow kann Knappe noch optimieren. Nicht, weil er dann noch besser aussähe. Sondern, weil es seinen Songs hilft.

 

Weniger macht manchmal mehr - sogar in der Aufschneider-Branche Musik. Der breite Pinsel, mit dem Knappe beherzt zu Werke geht, zeugt andererseits von Ehrgeiz, Willen und vor allem innerer Überzeugung. Die sich der Autor auch gern attestieren würde – eine Stimme wie die von Herrn Knappe vorausgesetzt. Die schmachtet, röhrt und hält Töne – unprätentiös und ganz ohne jedes R’n’B-Vibrato. Die erste Single "Sing Mich Nach Hause" ist denn auch ein Selbstgänger. Das Publikum: begeistert. Für die Nummer "Glückstadt" packt das ehemalige Fußball-Nachwuchs-Talent eine Geschichte aus, die nicht unbedingt glaubwürdig, aber so doch greifbar ist.

Bei "Frei", Knappes grandioser Fernwehnummer über einen prägenden "Ich-Muss-Mal-Raus-Hier"-Urlaub auf der anderen Seite der Erde (und gesangs-technisch eine der anspruchsvollsten Nummern), gelingt zwar nicht jeder Falsett-Einsatz optimal. Aber 1. ist dieser Lapsus reparabel und 2. war der spätestens beim gelungenen Grönemeyer-Cover "Halt Mich" vergessen. Ob Grönemeyer je Knappe covert, steht wahrscheinlich noch nicht mal in den Sternen – aber "Sag Dass Du" wäre die naheliegendste Wahl. Der für den Autor stärkste Song Knappes bis hierher ist, was nicht nur Amerikaner eine Goosebumps-Ballad nennen. Darüber hinaus ist der Song ein regelrechter Showcase für das Vokal-Volumen des Cottbusser Popkutschers.

Mit "Weil Ich Wieder Zuhause bin" ruft sich dann nicht nur der Heimatmensch Knappe wieder zurück in Erinnerung. Mit dieser, seiner zweiten Single setzt er seiner Geburtsstadt ein sehr persönliches Denkmal. Und macht dem Konzert ein Ende – vorerst. "Was Ich Singe", laut Knappes Aussage der erste selbst geschriebene Song überhaupt, gelingt als Zugabe und sinnfällige Zusammenfassung eines trotz widriger Umstände begeisternden Abends. Als Rausschmeißer bringen Knappe und sein Gitarrist (übrigens ganz neu in der Tourband) eine Akustik-Version von "Weil ich Wieder zu Hause bin". Und wenn das kein gelungener Abschluss für ein Konzert im Heimathafen ist, dann, ja dann ...

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.