Bio-Bauern – „Dichter Bei Den Anderen“ von Karl Die Große

karl die große pic

"Wenn niemand anfängt, damit aufzuhören, wird’s so weitergehen" – griffige Zitate direkt aus dem Fundus der deutschsprachigen Pop-Musik sind so selten wie die Nächstenliebe in Freital. Der Leipziger Sechser Karl Die Große hat mit "In Ketten" also schon mal alles richtig gemacht. Ob der Rest des "Dichter bei den Anderen" Mini-Albums hält, was eben jene Nummer verspricht?

Karl Die Große
Dichter bei den Anderen
Edition Analogsoul
04. Dezember 2015
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Band Shop

Ja. Doch. Man kann das eigentlich nicht verneinen. Aber zunächst noch was anderes. Die so genannte Deutschsprachige Popmusik ist ja nicht nur wegen Günter Grass ein weites Feld. Und während Geschichts-Unterrichts-Schwänzer wie Naidoo und seine Anzeige-Adlaten zusammen mit Juli, Pur, Bourani und Revolverheld die eine Seite dieses Ackers mit Monsanto-Methoden bestellen, mühen sich ihnen gegenüber ein paar Wenige am musikalischen Pendant zum Bio-Bauerntum ab. Das hat weniger mit Gut und Böse zu tun, als vielmehr mit Groß und Klein. Und während sich die Großen schlicht als Too Big To Fail wähnen und trotzdem alles zu verlieren haben, leisten sich die Kleineren, Feineren und auch Gemeineren, was man gemeinhin als Kreativität deutet.

Das haben – auch auf die Gefahr hin, durch alle Maschen zu fallen – Karl Die Große getan. Auf ihrer sechs Songs starken EP "Dichter bei den Anderen" sogar noch intensiver als auf dem Debüt "Mal Gucken Was Passiert". Das Musik-Studenten-Kollektiv aus dem sächsischen Hype-zig verliert sich noch viel abenteuerlicher im selbstgestrickten Labyrinth aus Pop, Kleinkunst und Rhythmischer Dichtung. Das Ergebnis ist dabei immer – sagen wir – erfrischend anders. Auch wenn nicht alles als gleich gut gelungen bezeichnet werden kann. Der einzige Song in Single-Länge - das sowohl musikalisch als auch auf Textebene als Zeit- und Uhren-Allegorie funktionierende "Weitergeh’n" – verstößt in jeder anderen denkbaren Hinsicht gegen die Lieder Für Die Massen-Regeln: Zu kompliziert, zu hintergründig, zu wenig rhythmisch, Mitsingen Fehlanzeige. Das macht "Weitergeh’n" zwar keineswegs zu einem minderwertigen Stück Musik, wohl aber zu einem schwer(-er) vermittelbaren.

Ganz anders die offensichtlichen Single "Siebenmeilenstiefel" – elektronisches Geplänkel, eine ohrwurm-förderliches Fender-Riff, Kuhglocken-Atmo und ein Refrain, der sowohl hook- als auch rhythmustechnisch so schnell nicht wieder aus dem Ohr geht. Abgesehen davon, dass er für’s Format-Radio anderthalb Minuten zu lang sein dürfte, zeigt "Siebenmeilenstiefel" aber auch, was Karl Die Große – immerhin ein Sextett – alles drauf hätten, wenn sie denn wollten. Damit steht die Nummer aber allein auf der "Dichter bei den Anderen" EP.

Weder "Lächerlicher Mensch" (auch wenn es sich gen Ende aufbäumt), noch "In Ketten" und erst recht nicht der Opener "Meer" lassen innerhalb des jeweiligen Songs erkennen, wozu Karl Die Große als Klangkörper in der Lage wäre - obwohl gerade letzterer als ein solcher Show-Off geradezu prädestiniert scheint. Man kann das Understatement nennen. Man kann das aber auch als unter seinen Möglichkeiten bleiben abhaken. So klingen die zwei Frauen und Vier Männer meist nach Anna Depenbusch mit Band (was natürlich vor allem mit dem klaren und anti-kapriziösen Gesang von Frontfrau Wencke Wollny zu erklären ist - auch wenn ihr Timbre hörbar im Barrique ausgebaut scheint), wo sie doch aber auch die besseren Erdmöbel sein könnten. Ihre Bundeslandsmänner und -frauen von Bergen haben das doch auch hingekriegt. Es bleibt nur eines: Black Dub Wizzard Daniel Lanois muss das nächste Album produzieren!

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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