Dicker, nicht besser – „For Those Who Stay“ von PS I Love You

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Here we go again: Das Buch der Gitarren+Schlagzeug-Duos wird um das Kapitel PS I Love You erweitert. Die kanadischen Zwei legen mit "For Those Who Stay" bereits ihr drittes Album vor. Nach Angaben der Band ist es das dekadenteste der bisherigen Bandgeschichte. 

PS I Love You
For Those Who Stay
Paper Bag Records / Rough Trade
25. Juli 2017
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Ob dekadent oder nicht – "For Those Who Stay" ist das mit Abstand am aufwändigsten produzierte Album der zumindest äußerlich doch sehr verschiedenen Best Buddies aus Kingston; nein, nicht Jamaica. Tatsächlich haben Paul Saulnier und Benjamin Nelson an ihren charakteristischen Klang-Eigenheiten – schichtweise, fette, alles durchdringende und in ordentlich Feedback-Wasser gebadete Schrammel-Gitarren, garagige Polterdrums und Melodiefetzen so rar wie Safran-Fäden – kaum etwas gedreht. Von vergleichsweise unüblichen Arrangements mit einem nach echten Klavier klingenden Tasteninstrument, Möchtegern-Chor-Sätzen und dem noch offensiveren Einsatz von Synthesizer-Flächen einmal abgesehen.

Grundsätzlich aber lässt sich der Schritt, den PS I Love You mit "For Those Who Stay" gemacht haben, als in die richtige soundtechnische Richtung zusammenfassen. Das Klangdesign ist transparenter, die einzelnen Spuren distinkter wahrnehmbar und die Balance zwischen dem tief-dröhnenden und manchmal sogar auch noch verzerrten Bordun-Sound der Orgel (?) auf der einen sowie den Gniedelattacken – mal mit Gitarre, mal mit Hilfe von Saulniers Stimmbändern – auf der anderen Seite, sehr viel kontrastreicher. Das Ergebnis klingt schlichtweg aufgeräumter, sauberer und nicht ganz so muffig. Vielleicht lassen sich die Klangparallelen auch deshalb diesmal besser zuordnen. "More Of The Same" könnte auch mit J Mascis aufgenommen worden sein. Saulniers brüchige Stimme war dem Organ von Suedes Brett Anderson nie näher als auf "Friends Forever". Und so wie auf "Advice" verzerrt sonst nur Ben Folds seine Bässe.

So weit, so gut, so wirklich zwingend ist PS I Love Yous aktuelles Machwerk dennoch nicht. Mehr Zeit im Studio hat nicht nur zu fortschrittlicher klingenden, sondern vor allem auch zu wesentlichen längeren Ergebnissen geführt. Mit dem Titelstück liefert das Duo den minutenreichsten Titel seiner Geschichte ab. Dabei wäre es viel korrekter, von einem 2-in-1-Song zu sprechen. Und auch die anderen beiden diesbezüglich komplett aus dem Rahmen fallenden "More Of The Same" und "Hoarders" sind zwei Songs, die wie in der Mitte aneinandergeschweißt wirken. Und zwar nicht, weil die Songs danach verlangen, sondern weil man Musik genauso strecken kann wie Kokain. Vielleicht hätte weniger Dekadenz gut getan.   

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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