Die Befindlichkeit Des Landes – „Alte Sau“ von Alte Sau

JensRachut_MiguelFerraz

Jens Rachut. Punk-Urgestein, umtriebiger Kreativer und rastloser Lyriker. Rauher Poet mit empfindsamen Sinnen für die Befindlichkeit des Landes, Gründer von legendären Punk-Bands wie Angeschissen, Oma Hans, Dackelblut, Das Moor oder Blumen Am Arsch Der Hölle sowie neuerer Projekte wie Kommando Sonne-Nmilch - sic!!! - oder auch die im ElectroPunk verortete N.R.F.B., in Langform: Nuclear Raped Fuck Bomb unter anderem unter Mitwirkung von Mense Reents. Der Mann hat ein Mitteilungsbedürfnis, das seit nunmehr etwas mehr als einem Vierteljahrhundert nach immer neuen Projekten lechzt und sich nun in Form eines weiteren Band-Outfits das nächste Ventil sucht. Es heisst "Alte Sau" und ist sowohl Bandname als auch Albumtitel zugleich, weniger brachial als es nach den letzten N.R.F.B.-Alben zu erwarten war und doch unverkennbar ein Kind Rachuts.

Alte Sau
Alte Sau
Major Label / Broken Silence
20. Juni 2018
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | HHV

Oft angelehnt an dräuende Orgelästhetik alter Horrorfilme und pervertiertes Cocktail Listening, verweben sich Vintage-Synthesizer und antike Heimorgeln über rasenden Schlagzeugkaskaden, die sich klar an Hochgeschwindigkeits-MinimalWave und dunkel marschierenden Goth-Klassikern orientieren, während sich Jens Rachut und Rebecca Oehms gegenseitig abstrahierte Textfragmente zuspielen, die von Trübnis, Leid der Langeweile und der betongrauen Ästhetik der vergangenen Genialen Dilettanten-Bewegung künden, ohne sich der totalen Hoffnungslosigkeit hinzugeben.

Zeilen wie "Ein leeres Tiergehege, das aus Fells besteht – Toter haarloser Stein" und "Dreckige Soße, die überall rausläuft – Die nicht schmeckt, aber alle fresen – Weil sie es nicht kennen" (aus "Druck"), "Dann hilft nur der Freitod – In dem Fall das Beste" (aus "Das Gerede")  oder "Ein toter Fahrstuhl – Du hörst ihn schreien" (aus "Schleifenkönig") wirken in ihrer geschriebenen Konsequenz schwarz auf weiss wie ein heftiger Trigger für die gepflegte Weltverneinung mit nachgelagerter Depression, erweisen sich aber im Zusammenspiel mit der cineastisch-kühlen Distanz der Musik wie eine entfernte Reportage aus einem anderen Leben, selbst wenn die "Hexenjagd" in kalten Wahn komplett eskaliert wie ein italienischer Giallo-Film an seinem blutigen Höhepunkt. 

Maschinell, schwarz bis dunkelgrau, mit silbern schimmerndem Restlicht von Hoffnung am entfernten Horizont schleicht sich die "Alte Sau" nicht nur in die Wohnzimmer der glühenden Rachut-Verehrer, sondern auch in die Wavekeller der in dunklem Samt gekleideten, hoch auftoupierten Bleichgesichter des Landes, um sie aus ihrer ewigen Lethargie immer gleicher Bands zu wecken, setzt zu später Stunde auch fortgeschrittene Indiekeller in Brand und zeichnet bei genauem Hinhören ein detailliertes Bild der Befindlichkeit des Landes, wie sie ähnlich treffend auch schon die Einstürzenden Neubauten in 2000 mit eben jenem auch genau so betitelten Song analysiert haben. 

Dunkles, grosses Kino mit einer gehörigen Portion Apokalypsengefühl. Schwer empfohlen!

Foto: Miguel Ferraz

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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