Die dunkle Seite der Nacht – „Spectre“ von Laibach & „LA Spark“ von Wrangler

Laibach, Spectre 3, photo by Maya Nightingale jm

Ist das noch EBM, Post-Industrial oder einfach der Soundtrack zur drohenden Apokalypse? Wie auch immer der Einzelne diese Frage für sich auch beantworten mag – fest steht, das es für die neuen Alben von Laibach und Wrangler nur einen geeigneten Ort zum ungehemmten Konsum eben dieser gibt: Schwarz gestrichene, stroboskopdurchzuckte Clubs mit ebenso schwarz gekleideten Menschen. Nebel an, Ton ab! 

Laibach
Spectre
Mute / Goodtogo
28. Februar 2014
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Angeregt durch den redaktionsinternen Dissens bezüglich der Rezeption des aktuellen "The Whistleblowers"-Videos aus dem "Spectre"-Album der seit 1983 aktiven Industrial-Pioniere Laibach gilt es nun, eben dieses Albumwerk noch einmal genauer zu beleuchten. Und um es in aller Kürze vorwegzunehmen – Laibach liefern mit diesem exzellent ab und präsentieren sich, trotz nach wie vor martialischer Lyrik und muskelspielendem EBM, auch nach drei Dekaden immer noch voll auf der Höhe der Zeit.

In "No History", mit seiner epischen, weiblichen Vocalhook, kommen entfernte Referenzen an die englische Bassszene zum Tragen, das auf atemlose Höchstgeschwindigkeit getrimmte "Eat Liver!" zerlegt jede Tanzfläche durch das kontrastreiche Wirken harter Gitarren und kleiner, tranceartiger Breaks, während "We Are Millions And Millions Are One" mit einer atmosphärischen Mischung aus Americana-lastigem DesertRock, IndustrialBlues und Siouxsie & The Banshees-Feel aufwartet. Mit dem düster-reduzierten, – aus Post-ESC Sicht - ironischerweise "Eurovision" betitelten Opener der B-Seite bilden Laibach perfekt das Zustandsbild des heutigen Europa ab und liefern mit Textzeilen wie "In The Absence Of War / We're Questioning Peace / In The Absence Of God / We Pray To Police" und dem einprägsamen Statement "Europe Is Falling Apart" durchaus Stoff zum Nachdenken und den apokalyptischten Song dieses grossartigen Albums.

Ebenfalls endzeitgeprägt geht es weiter mit dem durch dramatische Female Vocals und einer leicht neben der Spur liegenden, minimalistischen Synthiehook, die "Walk With Me" als Filmmusik für den nächsten, mit der Psyche des Zuschauers spielenden Horrorfilm prädestiniert. Mit "Bossanova" leben Laibach erneut ihre Vorliebe für absurd hohe Geschwindigkeiten aus und kombinieren eine Bestandsaufnahme zur Lage des Kapitalismus mit prügelnden EBM-Drums und einem Hauch von PostPunk, um später auf "Resistance Is Futile" jeden noch existierenden Widerstand auf der Basis unschuldige scheinender Melodien vollends zu dekonstruieren, während mit dem darauffolgenden Abschlusstune "Koran" die gepeinigten Seelen wieder schlussendlich besänftigt werden. Wohl eines der wichtigsten und besten Alben der ersten Jahreshälfte 2014.


Wrangler
LA Spark

 

MemeTunes Records
5. Mai 2014

 

Erhältlich bei:
Amazon | iTunes


Mit dem kürzlich erschienen Album "LA Spark" liefert Wrangler, das dreiköpfige Gespann aus dem ehemaligen Cabaret Voltaire-Mitstreiter Stephen Mallinder, MemeTuneStudio-Betreiber Benge und Phil Winter, unter anderem auch Mitglied des inselbritischen Post Folk-Gespanns Tunng, ein bemerkenswertes Debut auf der Grenze zwischen verschwebter Electronica, NuBeat und glasklarem ProtoTechno/PostEBM, das mit seinen acht Tracks sowohl in technoiden Kreisen als auch auf schwarzgewandeten Tanzflächen für erhöhte Aufmerksamkeit sorgen dürfte.

Nach der eher sphärischen "Theme From Wrangler" geht es mit dem electroid-treibenden "Lava Land" direkt in die Mitte der stroboskopzuckenden Tanzfläche, während der Titeltrack "LA Spark" in seiner reduzierten Ruhe direkte Parallelen zu Stephen Mallinders Cabaret Voltaire-Vergangenheit zieht und auch aus dem unveröffentlichten Archiv deren "Mirco-Phonies"-Phase der Mitachtziger stammen könnte. "Mus IIC" hingegen spielt mit den hypnotischen Mitteln des analog reproduzierten Intelligent Techno und auch "Space Ace" entwickelt in seiner ureigenen Monotonie einen unwiderstehlichen Sog in Richtung Tanzfläche, dem nur schwer zu widerstehen ist.

Spätestens mit dem leicht verspulten "Harder" überzeugen Wrangler auch die Freunde des klassischen Electro-Sounds, die sich ebenso mit der flirrenden, hyperelektronischen "Modern World" identifizieren dürften. Schlussendlich widmen sich Wrangler mit dem finalen "Peace & Love (Edit)" sogar noch einmal Ambient in seiner experimentellen Ausrichtung, erinnern damit an Soundtrack-/Score-Klassiker wie "Terror" oder "Prey" von Ivor Slaney und runden damit ein rundum gelungenes Debutwerk noch einmal ab. Schwer empfohlen. Und deshalb 9/10 Punkte. 

Foto: Maya Nightingale

 

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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