Die Idee von Zeitlosigkeit – „West End Coast“ von Young Gun Silver Fox

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Anders herum wäre der Projektname genauso sinnfällig: Auch als Young Fox Silver Gun hätten sich Andy Platts und Shawn Lee wohl passend repräsentiert gefühlt. Musikalisch ausgefuchste Meisterschützen sind beide. Welch ein Hörerglück, dass sich der Ami Lee und der Inselbrite Platts nach über 10 Jahren des mal mehr und mal weniger ernst gemeinten Planens zur Fertigstellung ihres gemeinsamen Albums "West End Coast" zusammenraufen konnten.

Young Gun Silver Fox
West End Coast
Légère Recordings / Broken Silence
13. November 2015
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Bandcamp

Was die beiden für dieses hoffentlich nicht folgen-lose "West End Coast" Album eint, ist die gemeinsame Vorliebe für zutiefst melodischen, anti-unterkomplexen und maximal groovenden High-Brow-Pop, dessen Zenit sie in Richtung Spät-Siebziger verorten und mit Steely Dan, Todd Rundgren, 10cc, Supertramp und den Doobie Brothers sogar ihre Vorbilder konkret benennen können. Was schon wieder merkwürdig ist – auf der absoluten Höhe der analogen Aufnahmetechnik waren die beiden geschmackstechnisch ja noch gar nicht mündig....

Noch viel merkwürdiger ist allerdings, wie unfassbar perfekt das Endergebnis klingt, das diese beiden – strenggenommen – Zu-Spät-Geborenen zustande gebracht haben. Derart gelungen sogar, dass "West Coast End" nicht nur bei einer Blindverkostung mit Alben von damals nicht als aus der Zeit gefallen auffallen würde. Mehr noch: Der erfolgreichen Akribie Lees und Platts ist es zu verdanken, dass diese durch und durch Retro-Platte sich eben alles andere als retro anhört. Die großartige soundtechnische Zeitlosigkeit erschwert die Zuordnung in einen bestimmten Entstehungszeitraum.

Und dennoch: Diese nur allzu typischen Ingredienzien der amerikanischen Spät-Siebziger West Coast Szene (ein Schelm, wer glaubt, der Album-Titel könnte irgendetwas damit zu tun) – der zur Kopfstimmigkeit neigende (relativ hohe) Männergesang, gern auch mehrstimmig arrangiert, die zwischen Rock, Jazz, Country und Soul pendelnde Sechs-Saiter-Prominenz, die absolut essentielle Rolle der Rhythmusgruppe – lassen eigentlich nur einen Schluss zu: In Wirklichkeit wurden Andy Platts und Shawn Lee vor 40 Jahren schock-gefroren, nur um im Jahr der Beckenbauer-Entthronung für Verwirrung auf dem Musikmarkt zu sorgen. Wie Woody Allen in "Der Schläfer".

Wichtig: Auch wenn den Eagles mit "One Of These Nights" aus Versehen mal ein Groover passiert ist – von bräsigem Pop-Country-Schmalz könnte "West End Coast" kaum weiter entfernt sein. Dafür ist "In My Pocket" viel zu nah an Earth, Wind and Fire gebaut. Während "Distance Between Us" wahlweise der beste Song, den Robin Thicke nie schrieb oder aber ein unveröffentlichtes Michael McDonald Demo sein könnte. Auch "Better" kann man sich als Teil einer "Previously Unreleased" Compilation von Steely Dan zu "Gaucho"-Zeiten vorstellen. "Emilia" ist doch in Wahrheit eine Fleetwood Mac Komposition?! Und auf "So Bad" fehlt eigentlich nur ein Gast-Auftritt von Boz Scaggs – die Tower of Power–Bläser sind ja schon am Start; wer spielt da eigentlich Mundharmonika – hatte Stevie Wonder keine Zeit?

Die Info, dass "You Can Feel It" eine Single wie aus dem Lehrbuch ist, verkommt auf diesem Niveau fast zu Fußnote. Ein Must-Have Album der Sonderklasse. 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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