Die Neue Einfachheit – „Wenn Die Nacht Den Tag …“ von Desiree Klaeukens

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"Bring mich ins Bett. Sei einfach da. Du weißt am besten, wie das geht." Lyrik à la Elfriede Jelinek ist Desiree Klaeukens Sache nicht. Gottseidank. Und das gilt nicht nur für den zitierten Song "Verliebt In Dich". Über die gesamte Länge ihres Debüt-Albums "Wenn Die Nacht Den Tag Verdeckt" erstaunt Frau Klaeukens mit – nennen wir es – einer neuen Einfachheit.

Desiree Klaeukens
Wenn Die Nacht Den Tag Verdeckt
Tapete Records / Indigo
31. Januar 2014
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Diese neue Einfachheit aber lässt sich nur in Teilen mit Klaeukens Texten erklären. Sicher, als Singer/Songwriterin klassischen Zuschnitts ist sie natürlich auch in musikalischer Hinsicht nicht ganz unschuldig. Ohne dieses grandiose Ensemble in ihrem Rücken allerdings, wäre vermutlich nichts so, wie es sich auf "Wenn Die Nacht Den Tag Verdeckt" anhört. Es ist wie bei Sushi – niemand bestellt Reis und Alge. Aber wehe, da käme aber nur ein Streifen roher Thunfisch. Nicht, dass Philipp Steinkes Tastenschufterei ("Verliebt In Dich"), Florian Glässings Trompeten-Sprengsel ("Will Dich zu sehr") oder Tim Lorenz’ Understatement-Drumming ("Kompliziert") das klangliche Pendant zum Gürkchen in der Roulade sein sollen. Nur, dass die Musiker unter der Leitung von Produzent und Bassist Stephan Gade den Ideen Klaeukens' den letzten, perfekten Schliff geben.

Das Ergebnis ist ein veritabler Instant-Klassiker, der Brücken zu ganz vielen andere Klassikern eigenen Rechts schlägt. Hätten die Musiker die Zeit, die Klaeukens für ihre Texte hatte, auf die Ausarbeitung mehrstimmiger Gesangs-Arrangements verwendet, dann wäre die Nähe zu The Band noch viel deutlicher, wie man zum Beispiel auf "Zwei Tage" hervorragend nachhören kann. Die omnipräsent im Hintergrund wirkende Western-Gitarre tut ihr Übriges zu den John Denver-Parallelen und Jim Croce-Deja Vus. Überhaupt ist erstaunlich, wie unprätentiös, stilsicher und gleichzeitig unaufgeregt sich Klaeukens und Band einer musikalischen Formensprache bedienen, die in ihrer Mischung aus Folk, Country und hippie-eskem Pop mit der gefühlten Unendlichkeit amerikanischer Prairie-Weiten sehr viel mehr zu tun hat, als mit dem althochdeutschen Gitarren-Gezupfe Waders, Biermanns und Meys. Und das Beste daran ist: Ihre Muttersprache steht ihr dabei nicht im Weg.    

Dass Klaeukens, deren Texte bislang selten ohne die Zauberworte ich, du, uns und wir auskommen, dennoch nicht in Zweisamkeits-Betroffenheit zergeht und dank Songs wie "Kompliziert" Taschentüchern die Chance gibt zu trocknen, ist eine weitere vorzügliche Besonderheit: Gefühle ja, Schmalz nein. Das passt natürlich auch zu der irgendwie tomboy’schen Erscheinung Klaeukens auf dem Cover ihres Debüts. Das wiederum konsistent scheint mit der Biographie einer gelernten KFZ-Mechanikerin, die eigentlich mal beim Daimler schaffen sollte/wollte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.  

Foto: Tim Oehler

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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