Die Perfektion des Imperfekten – „Barbarisms“ von Barbarisms

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Das Streben nach Perfektionismus mag vielleicht etwas Bewundernswertes sein, aber nicht immer auch etwas Wunderbares. In unserer heutigen, strukturierten Welt auch einmal auszubrechen – das trauen sich nicht viele. Und den Wahnsinn des Lebens einfach mal zu genießen – das können nicht viele. Das Trio Barbarisms aber schafft all das und hält es auf musikalisch-wunderbare Weise in ihrem gleichnamigen Debütalbum fest.

Barbarisms
Barbarisms
Control Freak Kitten Records / Popup
07. November 2014
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Das waren vielleicht etwas große Worte, aber manchmal müssen es eben diese großen Worte sein, um zum Wesentlichen zurückzukehren: zum Leben, zur Freude und zur Musik. Der Barbarisms-Songwriter Nicholas Faraone entschied sich, sein Leben in den USA hinter sich zu lassen und brach in Richtung Paris auf. Dort fand er zwar Anschluss in der ansässigen Lo-Folk-Szene, war aber irgendwie noch nicht angekommen. Also zog er weiter nach Stockholm und traf dort auf die Musiker Tom Skantze und Robin Af Ekenstam. Man tat sich musikalisch zusammen und fing an, gemeinsam an einem Album zu schrauben. Und dann zeigte sich das Leben, das Schicksal, so, wie es eben auch sein kann: Schlagzeuger Ekenstam erkrankte an Krebs und musste sich seinen rechten Arm amputieren lassen. Doch die Band improvisierte und machte weiter: mit Klebeband und Küchenutensilien wurde eine Schlagzeugprothese gebastelt und somit entstand das lebendige, mit holprigen Beats und opulenten Melodien geschmückte und wirklich schöne Album, zu dem wir nun auch endlich im Detail kommen.

Also, "Barbarisms" dreht sich um das Leben. Mit seinen Höhen und Tiefen, die es lebenswert machen. Und eben das versucht das Album zu vermitteln. Es ist nicht dazu da, um der Welt zu entfliehen, sondern um sie bewusster wahrzunehmen. Dennoch, oder grade deshalb, geht es eher ruhig zu, mit einer Menge Lo-Fi-Charme. Der Album-Opener "Easier All The Time" kommt irgendwie ziemlich lässig daher, klingt aber aufgrund der zerbrechlich klingenden Stimme und der hohen Gitarrenmelodien gleichzeitig auch ein wenig wehleidig. Und genauso ist das Leben ja auch manchmal: eigentlich ist alles gut und dennoch tendiert man dazu, zu jammern. "Backwards Falconer #2", der zweite Track auf dem Album, präsentiert sich als schleppend-schönes Gitarrengeschrammel-Stück, genau wie das Schlussstück "Figures Of Men", das zusätzlich mit tollen (ja, einfach tollen) Textpassagen wie "When the cat's not home, the rat's dancing on the table", "I'm so happy ladidadida" und "This is the life I chose" vergoldet wird, bevor es zu einem etwas abrupten, aber irgendwie auch passenden Album-Ende kommt.

Es ist nicht zu verleugnen: Faraone hat ein Faible für skurrile Texte. Wir jetzt auch. Während man bei "Katherine Anne Porter" erst auf eine falsche Fährt geführt wird und meint, man hätte es mit der amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin zutun, konzentriert man sich am Ende eben auch wieder auf Textstellen wie "I want a wife that doesn't want to have another man" und das Grübeln geht weiter. Anders an diesem Song: er wirkt wie der "sauberste" auf dem Album, die Melodien sind klar, und auch die sonst nasal-eigenwillige Stimme kommt hier sehr klar, grade zu an Eddie Vedder-erinnernd, daher. Anders das Drums-lastige "I Won The Nothing", das mit seinem klimprigen Klavierspiel und der impulsiv-treibenden Melodie, wieder eigenwilliger wirkt, genau wie auch "Macaulay Culkin On Pizza" mit den wuseligen Percussionen-Elementen und dem spöttischen Glockenspiel.

Während "Pail Of Water" eine Ode an Bill Callahan sein könnte, ist "Explorer" mit seinem holprig-charakterstarken Rhythmus, dem Forscher-Instinkt und den entfernten Andeutungen an Rodriguez das Stück, das wohl am repräsentativsten für Barbarisms und ihren ganz eigenen Charme steht. Dieses Album vermischt gekonnt Folk-, Rock- und Country-Klänge und strotzt unterm Strich nur so vor charmanter Verschrobenheit. Und das sollten wir alle auch mal wagen.

Entdeckte Musik durch ihre Oma, die mit ihr Kinderlieder am Telefon sang. Damals, irgendwo zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Dann für's musikorientierte Studium in die Niederlande und nach Finnland. Derzeit wohnhaft in Hamburg. Und die Liebe zur Musik nicht verloren.

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