Die Platte zum File – Marko Fürstenbergs „Gesamtlaufzeit“

Fürstenberg – etwas mit so einem Namen könnte auch an den "Bedien-Dich-Ruhig"-Regalen über den Laufbändern von Supermarktkassen angeboten werden. Oberhalb der Kaugummis. In ganz kleinen Fläschchen. Könnte. Stattdessen ist Fürstenberg Markos Nachname und steht für exzellent-dubbigen Techno. In ganz großen Dosen.


Marko Fürstenberg Gesamtlaufzeitk

 

Rotary Cocktail Recordings 1. Oktober 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


2003? -  2003! So viele Ausrufezeichen, wie es hier bräuchte, bietet keine Tastatur. Fast zehn Jahre ist es her, dass Marko Fürstenberg alias Dolby aka Surphase sein Debüt-Album "Gesamtlaufzeit" veröffentlichte. Damals, ja, damals, noch ganz fortschrittlich, auf einem Net-Label namens Thinner. Damals galten Net-Labels als die Zukunft schlechthin. Heute teilen sie sich die wieder mit anderen Dingen. Und Fürstenberg re-releast seinen Album-Erstling.

Wurde auch Zeit. So anachronistisch das klingen mag: "Gesamtlaufzeit" gehört auf Vinyl. Fürstenbergs Musik ist das Gegenteil von digital-aseptisch. Sie atmet rhythmisierten Klangdreck. Dahin-wabernde Echo-Schleier, in sich verhallende Knistereien, rumpelnde Knackser, sphärische Auslaufrillen-Sounds. Unter diesen Klangumständen erscheint das Tonträgermedium Vinyl wie ein natürlicher Habitat.  Womit keinesfalls gemeint ist, dass Fürstenbergs Produktionen sich anhören wie aus dem "Vinyl-Zeitalter". Im Gegenteil – dass "Gesamtlaufzeit" beinahe 10-jähriges feiert, ist dem Werk kaum anzuhören. Andersrum wird viel eher ein Tanzschuh draus. Bei einer Nummer wie "In der Pappelei" erweist sich die Rückdatiererei als noch viel kniffliger. Ist das noch Pre-Basic Channel oder schon Post-Deepchord? Und klingen da nicht frühe Martinez-Werke ebenso durch wie gemäßigtere Aril Brikha Produktionen?

Wenn es sich nicht nach einem viel zu offensichtlich daneben gegangenen Schenkelklopfer anhörte, dann müsste Fürstenbergs Musik von Rechts wegen Gewand-House heißen. Aber wieso eigentliche Tanzschuh. Das Phänomenale am Digital-Funk Fürstenbergs ist doch gerade, dass er zu einem Lagerfeuer mindestens so gut passt, wie in ein trockeneis-vernebelten Dance-Tempel mit haufenweise Strobos. Ob also Kopfkino oder Großbildleinwand – in beiden Fällen ist "Gesamtlaufzeit" der richtige Soundtrack.

Auch nicht uncharakteristisch: von "Mimerlaven", der vorletzten Nummer, einmal abgesehen, geht Fürstenberg zum Ende des Albums immer mehr vom BPM-Gas. Nicht, dass "Rosengarten" – eine Liebling des Autors – oder "Flüssige Reise" an Intensität verlören. Die schiere Tatsache aber, dass sie langsamer sind, hat Fürstenberg in keiner Weise kompensiert. Ein Effekt, den die hirnrissige Alpecin-Werbung, in der ein Haarologe einen Graphen in Richtung X-Achse auseinanderzieht, gar nicht so verkehrt veranschaulicht. Im Ergebnis führt das zu einer verminderten Ereignisdichte, zu weiträumigeren klanglichen Leerstellen, zu mehr Freiheitsgraden zum Reinhören. Und das muss man sich auch ersteinmal trauen.

Dass Fürstenberg den Sprung über den eigenen Schatten bereits 2003 derart erfolgreich unternahm, fordert dem Autor umso mehr Anerkennung ab.  Denn in der Tat hat Fürstenberg während der letzten rund zehn Jahre munter weiter drauflos produziert. Nicht weniger seiner Arbeiten aus dieser Zeit allerdings schielen erheblich offensichtlicher in Richtung Babicz und Konsorten. Das ist zwar alles andere als sträflich, aber eben auch nicht so gekonnt reduziert, wie auf "Gesamtlaufzeit". So – und jetzt genug getippt. Der Autor muss los, sich die Scheibe in einem Nicht-Net-Shop organisieren.

photo: grounded theory

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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