Die Route 66 als Sackgasse – „The Next Day“ von David Bowie

bowie

Mit 66 Jahren mag bei anderen das Leben erst anfangen – für den schnapszahl-alten David Bowie allerdings geht etwas zu Ende. Und das liegt keineswegs am Alter, sondern an "The Next Day", dem Album, dass David Bowie als 66-jähriger gerade veröffentlicht hat. Seinem Status als eine DER prägendsten Figuren im Popmusik-Theater des 20. Jahrhunderts hätte dieses erste reguläre Album seit über 10 Jahren nicht einmal posthum gutgetan.


David Bowie
The Next Day

 

Sony Music
8. März 2013

4 / 10

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Warum Bowie, der inzwischen aussieht wie Christopher Walken als alternder Schwarzenegger in einem Bio-Pic der steiermärkischen Muskellegende, sich nicht bescheiden und auf dieses Album verzichten konnte – das darf man Ziggy Stardust natürlich nicht fragen. War doch das Gegenteil von Bescheidenheit, was Bowie in all seinen Verkörperungen als Kunstwerk auf zwei Beinen so einzigartig machte. Warum er bei der Entstehung dieses Albums keine erkennbaren künstlerischen Maßstäbe hat gelten lassen, sondern vor allem marktwirtschaftliche Kriterien angesetzt zu haben scheint, das müsste sich der Mann mit den zwei unterschiedlich farbigen Augen schon viel eher fragen lassen.

Es ist eben kein genialer Schachzug,  das Cover eines DER Bowie-Alben mittels eines Straßenschild-ähnlichen Gebildes nicht zu verschleiern. Ebensowenig, wie das dankbare Themen-Paar Berlin und Bowie-Bio zum Thema der ersten Single-Auskopplung zu machen (vom ernüchternd schlichten Video ganz zu schweigen).  Vor allem dann nicht, wenn Bowie die Dinge so spürbar nicht im Griff hat, wie auf "The Next Day". Trotz seiner limitierten vokalen Fähigkeiten, schimmerten Bowies unverwechselbares Timbre und sein Zitter-Vibrato nicht nur immer durch – im Zusammenspiel mit seinen Texten dominierte Bowie auf diese Weise die Musik. Das jeweilige Genre spielte dann kaum mehr eine Rolle – es war Bowie-Musik.

Nicht dass man "The Next Day" für das Werk eines anderen halten könnte. Aber wie alles an dem Mann, ist auch seine Stimme 66 geworden. Und inzwischen fehlt ihr diese genuin verzweifelte Sehnsucht, mit welcher der Stimmband-Eigner Leiden und Triumph im selben Atemzug auszudrücken vermochte. Ist das einer der Gründe, warum der Autor "Where Are We Now" gerne von Axl Rose interpretiert hören würde - oder liegt's an der klanglichen Nähe zu "November Rain"? – Ist "If You Can See Me" ein Outtake vom letzten Phillip Boa-Album? - Kann man von einem guten Zeichen sprechen, wenn das Beste am Album sein fadenrotes Sounddesign ist? – Machen zig Dutzend der besten Techniker, Instrumentalisten und Tilda Swinton im Video ein gutes Album? – Die Antwort auf alle vier Fragen lautet: Um Gottes Willen.

Die Musik wirkt ebenso gekonnt wie gewollt, gepfercht in ein Prokrustes-Bett aus Möchtegern-Avantgardismus. Sowohl melodisch als auch harmonisch gebärden sich die meisten Songs derart eigen, dass einem das Lächeln im Gehörgang stecken bleibt, siehe auch "Dancing Out in Space" oder "Heat".  Nur zum Nicht-Mitsingen reicht es gerade noch. Aus künstlerischer Sicht bleibt festzuhalten: die Rente mit 67 trifft hoffentlich auch Bowie.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.