Die Ware Underground – „Different Places“ von Zusammenklang

zKlang_quad

Zusammenklang also. Ein neuer Name am mittlerweile prall gefüllten Sternchenfirmament, das sich lieblich über die sogenannte DeepHouse-Szene des Landes spannt und in die von Konsumentenseite alles eingemeindet wird, was a) ein paar Melodien auf einem Gerüst aus geraden Bassdrums aufweist und b) nicht bei drei auf den nächsten Boxenturm geklettert ist. Und nun also Zusammenklang. 

Zusammenklang
Different Places
SoSo / Nova MD
05. September 2014
2 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Siehe zu diesem Thema auch Acts wie Wankelmut, Klangkünstler und wie sie dieser Tage alle auch heissen. An dieser Stelle sei allerdings der Wunsch gestattet, das die Witzigkeit bei der Namenswahl so langsam mal ein Ende haben und sich die mit Privatfernsehen und minderer Sprachbegabung aufgewachsene FDJ ( = 'Feiernde Deutsche Jugend'. Ist übrigens als Künstlername noch frei – Lizenzrechte bitte beim Verfasser dieser Zeilen erfragen) darauf besinnen möge, dass elektronische Tanzmusik und vor allem Techno durchaus bei allem Spass auch mal eine ernsthafte Angelegenheit war und ganz nebenbei auch für andere Dinge angetreten ist als für dumpfbackig pubertäre Sprachspiele und NDW ( = 'Neue  Deutsche Witzigkeit'), die dem Verfasser dieser Zeilen zutiefst zuwider ist. Aus Gründen.

Da nun also schon der Künstlername mit 0 Punkten durchgefallen ist und die Erwartungshaltung sich schon vorab ungefähr auf der Höhe des durchschnittlichen Besucherintelligenzniveaus eines seit Donnerstag laufenden Sommer-OpenAirs an der mecklenburgischen Seenplatte am Sonntag um 17.34Uhr eimgependelt hat, wandert das schon im September erschienene, aber irgendwie durchgerutschte Album nun also nach dem ersten Hasserguss tatsächlich in das Laufwerk – in der Tat mit wenig Spannung, denn die kommenden 70 Minuten versprechen wenig spannend zu werden, wenn mensch nicht zumindest an einem nicht zu entschuldigenden Niedlichkeitsfetisch leidet.

Doch wartet schon nach wenigen Augenblicken eine erste, kleine Überraschung, denn neben der schon erwarteten, reichlich melodie- und flächenschwangeren TechHouse- / NeoTrance-Standardware mit langen Breaks und – achgott... - Pianos, bläst zumindest im Anfangsteil des Openers "Between" ein dicker Ravebass dermassen ins Horn, dass mensch sich für kurze Momente in einem Warehouse des Jahres 1991 wähnt, dann aber doch feststellen muss, dass es sich nur um einen kurzen Erweckungsmoment handelt und die durchaus körperliche Heftigkeit jenes wunderbaren Signals im weiteren Verlauf von süsslich-riechenden Blümchen und allerlei anderen Unannehmlichkeiten fast bis zur Unkenntlichkeit zugewuchert wird. 

Auch im folgenden "The One" geht dem etwas musikbewanderten Hörer bei einer kleinen melodischen Referenz an die Introsequenz von Bronski Beats "Smalltown Boy" kurz das Herz auf, die jedoch ebenfalls von einem Flächentsunami und darauf surfenden Hippiemädchen hinweggewaschen wird und schliesslich in wirklich überflüssigen und schlecht gesetzten Vocalsequenzen final ertrinkt. Merke: Wer wirklich keinen Ton trifft, dem ist auch mit Autotune und ähnlichem Spielkram nicht geholfen. 

Mit "Variant" folgt dann nach geschlagenen 15 Minuten der erste Lichtblick, der zwar auch kein Rad neu erfindet, aber zumindest solides TechHouse-Futter für nicht allzu undergroundige Clubnächte bietet und dank durchaus amtlicher Bässe und im Gegensatz zu den Vorgängertunes wesentlich dunklerer Grundstimmung auch in winterlichen Indoorlocations ordentlich Druck macht, der sich in Teilen auch im melancholischen Titeltrack wiederfindet. Dieser punktet mit langgezogenen, wenn auch etwas nach Plastik klingenden Sägezahnbässen und Anleihen an Romantic House der besseren Sorte, kassiert jedoch an anderer Stelle für den Einsatz von fies kitschigen Dreamdance-Strings und wiederum völlig verquasten Vocals genügend Abzüge in der B-Note, um diese positiven Ansätze zunichte zu machen. An fünfter Stelle kratzt "The Way" wie die meisten Tracks auf dem Album an der Sieben Minuten-Marke und emuliert mit einem Surface Noise-Loop sogar echtes Vinylfeeling, scheitert im weiteren Verlauf allerdings wiederum an der Vokalhürde, die hier wohl Sehnsucht und Gefühl vortäuschen soll, im besten Falle jedoch an verzerrte Raum-Zeit-Wahrnehmung unter Ketamineinfluss erinnert und damit wohl nur ab einem gewissen Grad illegaler Medikamentierung wirklich Sinn ergibt.  

Erstaunter gedanklicher Einschub im weiteren Verlauf: Wo kommt eigentlich auf einmal diese furchtbar klischeebehaftete Balearengitarre her?

Nächster Track - "Carrying Sympathy". Guter, pumpender Anfang für dunkel schiebende Progressive House-Nächte im Sinner alter Bedrock-, Global Underground-, Baroque-Scheiben, relativ reduzierte Melodieführung, nur vereinzelte, epische Streichereinschübe und somit ein scheinbarer Höhepunkt des Albums, der sich auch im weiteren Verlauf angenehm sonnenaufgangstrancig entfaltet, auch wenn sich hier natürlich fleissig vieler melodischer und ästhetischer Klischees der End-Neunziger bedient wird, mystisches "Obsession"-Frauenvocal inklusive. In "In Silence" wagt Zusammenklang gar einen Ausflug in psychedelisch geprägte Basswelten, die in früheren Jahren vielleicht als Progressive Psy oder DarkTrance irgendwie durchgegangen wären, hier und heute aber mit den gewohnt zeitmatrixverschobenen, an irgendwelche Indianer erinnernden Vocals – was macht eigentlich DJ Dag dieser Tage? - und Balearengitarre – schon wieder! - in dieser Kombination für nicht-halluzinogen-induzierte Verwirrung sorgen. 

Mit "Collateral" liefert Zusammenklang mit einem Track für die letzte Stunde der ausklingenden Nacht eine durchaus angenehme Überraschung, auch wenn an dieser Stelle ebenfalls eine Dub- / Instrumentalversion ohne Vocals die bevorzugte Variante seitens des Schreibenden gewesen wäre, der sich vom folgenden, epischen Preset-Trancer "Lasting Tears" sogar kurzzeitig ein leichtes Nicken abringen lässt, spätestens jedoch bei ca. Minute 1:40 durch völlig unsinnig und überdies gedämpft einsetzende Mid-Break-Drums aus dem Konzept gebracht zum geistigen Ausstieg aus dem Track gedrängt wird, auch wenn das  restliche Arrangement in diesem Falle von tatsächlich vorhandenem Potential zeugt.

Mit dem klanglich tatsächlich sehr weit Draussen agierenden "Far Out" hingegen schiesst sich der Produzent mit billigen Preset-Bässen, vermeintlich trippigen Effekten und pappig zerrenden Bassdrums vollends auf eine vermutlich sehr einsame Reise in grellbunte, maximalst überzogene Soundwelten mit zeitweisem Hang zu Vangelis-haftem Kitsch, an deren Kartographierung der Autor dieser Zeilen glorreich und gnadenlos scheitert, während das finale "Infinite" sich vom Diktat der geraden Bassdrum weitgehend befreit und so das musikalische Downtempo-/ ChillOut-Gegenstück zum Rest des Albums darstellt und dessen zuckerwatte-artige Melodieführung auf einfache Breakbeats irgendwo zwischen 90 und 100 bpm überträgt.

Fazit: Wer sich in den musikalischen Gefilden oben genannter Acts wie Klangkünstler, Wankelmut, Lexer oder auch Oliver Koletzki zu Hause fühlt, "Berlin Calling" für den wahren Underground hält, ggf. Tiesto feiert und den Kosmos der elektronischen Musik sonst nur mit Abstand betrachtet, der dürfte mit "Different Places" das Album gefunden haben, das ihm den Sommer in die dunklen Nächte der kommenden Monate holt. Der Rezensent jedoch gehört nicht zu dieser Zielgruppe und ist in diesem Fall der völlig falsche Ansprechpartner, der mit äusserstem Wohlwollen noch gönnerhaft 2 von 10 Punkten. 

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.