Digitales Lammkotelett – „The Diet“ von HeCTA

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"Suck it up, hippies" rät Kurt Wagner jenen Fans, die sich angesichts seiner neuesten musikalischen Explorationen aufführen, wie die Akustik-Folk-Nazis 1965 in Newport. Das Lambchop-Oberhaupt hat – zumindest für den Moment und das hier zur Debatte stehende Album "The Diet" – abgeschlossen mit dem Country-Kammerorchester-Sound dieser eleganten Musik-Kommune und sich mit ein paar Kommunarden als HeCTA selbständig gemacht.

HeCTA
The Diet
City Slang / Universal
18. September 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Ob man – wie es die ausführende Musikfirma City Slang im beiliegenden Produkt-Zettel tut – nun gleich mit "Flops-Turned-Classics"-Keulen vom Schlage eines Neil Young oder Bo Diddley kommen muss, um einfach nur zu rechtfertigen, dass ein mit allen Ölen gesalbter Musiker nach mehr als 22 Jahren der Sinn schlicht nach einem neuen Paar Stiefel stand, bleibt dahingestellt. Fraglich ist ebenso, warum sogar der Meister selbst auf der Projekt eigenen Website einen Kotau vor "the great electronic music created throughout its history continuing into the present" kommuniziert, den Hörern seinen diesbezüglichen Respekt bekundet und ganz nebenbei erwähnt, dass man zur finalen Abmischung des Albums Kontakt zu zentralen Schlüsselfiguren der Szene gesucht hat. Ob um Rat-, Ritter- oder was auch immer für einen -Schlag zu bitten, bleibt offen.

Was auch immer Wagner und HeCTA sich von dieser Kommunikations-Offensive versprechen (Verständnis? Erlaubnis? Absolution?) – angesichts der Musik auf "The Diet" scheint der Gang nach Elektro-Canossa vollkommen und total überflüssig. Denn die ist ganz und gar großartig. Und könnte glücklicherweise kaum weiter entfernt sein vom typischen Lambchop-Sound. Ob das vor lauter Lo-Fi-Glück stampfende und irgendwie teutonisch rumpelnde "Till Someone Gets Hurt", der an Detroit-Elektro der frühen Stunden erinnernde Breakbeat von "Sympathy For The Auto Industry" oder die mit markanten Bass-Licks versehene Disco-Hetze von "Prettyghetto" – nicht ein einziger Track liefert Indizien dafür, dass HeCTA unwürdige Ungläubige wären, die in fremden Gewässern fischen. Und selbst wenn es so wäre – was sollte daran schlimm sein?

So ganz frei von kritischem Beigeschmack jedoch ist "The Diet" nicht. Dass Wagner der Meinung war, auf Hecta-Tracks singen zu müssen, ist eine Überlegung, die für das nächste Hecta-Album noch einmal auf den Prüfstand müsste. Das gilt insbesondere für "We Are Glistening" und "Change Is In Our Pocket". Eine sehr gelungene, diesbezügliche Ausnahme stellt die erste Single "The Concept" dar, auf der statt Wagner ausschließlich der britische Comedian Buddy Hackett mit einem Monolog über Diät-Pillen zu hören ist. Auch das Quasi-Instrumental  "We Bitched We Bovvered And We Buildered" profitiert von der Absenz des Wagner’schen Vokal-Apparats.

HeCTA haben mit "The Diet" nicht nur einen bemerkenswert mutigen Schritt vollzogen; er ist ihnen auch noch über alle erwartbaren Maße gelungen. Hörer und Musiker brauchen mehr von solchen Grenzüberschreitungen. Sehr gut.   

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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