Dirk’s Works – “Garagenjazz NY” von Dirk Berger

Juni 14, 2012

Manche musikalische Persönlichkeiten sind so groß, da brauchst Du gar nicht anfangen, Dir ein Bild drüber zu machen – da passen die eh nicht drauf - egal von welcher Perspektive. Steve Gadd gehört dazu. Charles Lloyd. Dirk Berger auch. Fast ist er noch ein Tick größer. Fast.


Dirk Berger
Garagenjazz NY

 

Zughafen / Rough Trade
1. Juni 2012

 

Erhältlich bei:
Amazon | iTunes | Zughafen


Nicht nur, dass Berger eine von vier treibenden Kräften bei der Post-Turntablism-Live-Combo Lychee Lassie war. Der Saiten-Spezi mit Schulbuch-Bildungsweg widmete sein akademische Abschlussarbeit dem Linkshänder-Wunder Jimi Hendrix, spielt und komponiert regelmäßig mit den Kollegen von Seeed und Peter Fox, ist ein Teil der Marteria-Produzenten The Krauts und bringt mit "Garagen-Jazz" nun schon das zweite Album mit diesem Titel auf den Markt. Ausgerechnet auf Zughafen, dem Clueso-Label.
Wer sich wegen Caspar Brötzmann und Marc Ribot (zu Recht?) vor Gitarren-Jazz fürchtet, sich aber für Charlie Byrd und Wes Montgomery zu jung fühlt, kann Bergers neuestes Werk blind kaufen. Dieses, anhand des kleinen aber feinen Kürzels "NY" von seinem sechs Jahre früher erschienen Vorgängers zu unterscheiden, wurde unter Mithilfe von Schlagwerker Jochen Rueckert, Bassmann Matt Clohesy, dem Tasten-Täter Niko Meinhold und Posaunist Jerome Bugnon eingespielt und aufgenommen. Laut Label-Waschzettel ist das Album "ein Gedicht". Kann man im Prinzip so stehen lassen. Kann man auch wie folgt spezifizieren: das Album ist ein Gedicht, und zwar keines von Günther Grass.

Das vor allen Dingen instrumentale Werk besticht zunächst einmal durch ein in allen Belangen gelungenes Cover. Ob Berger, der Jazzer, tatsächlich auf einer Flying-V gniedelt? - Wenn man dem Video Glauben schenken will ... Aber selbst für den Fall, dass es sich bei der Cover-Axe lediglich um eine Requisite gehandelt hat, die nach dem Shooting an den nächsten Schneemann verfüttert wurde – ästhetischst. Und passend sowieso. Für Grenzwanderer wie Berger ist der Platz zwischen Baum und Borke gerade groß genug. Und wie man sieht, lässt sich eine solche Tatsache auch ganz subtil vermitteln, es braucht kein mehldausches Donnern.

Wie man hört, übrigens auch. Berger untertreibt für die volle Länge des Albums. Diese Art von Understatement durchzuhalten, ist keine kleine Leistung. Hemmingway hätte hier und da auch gern mal einen Bandwurmsatz eingeflochten. Allein es hat nicht sein sollen. Ansonsten ist die Grundstimmung eine entspannte und vollkommen unhektische. Laut und eruptiv wird es eigentlich nur an zwei Stellen – "There" und "Trailerpark Shauna". Bei 10 Songs sind das 20%. Ein ganz nebenbei vollkommen überflüssiger, weil nichts aussagender Index. Dafür aber 100% Eigenkompositionen. Von denen nicht wenige wegen ihrer Titel zu Spekulationen anregen. Ist "Haden" eine Reminiszenz an Charlie? Und wie ist dann "Charlie" aufzufassen? Was soll es bedeuten, dass "Lanois" klingt wie ein seltsame Adaption von "50 Ways To Leave Your Lover".

Glücklicherweise schmeichelt Bergers Werk dem Ohr auch ohne entsprechende Antworten. Die beiden Pole, die dem Autor als klangliche Orientierung dienen, lauten Karate (natürlich ohne Gesang) und Gabor Szabo ("Bacchanal" und "Dreams"). Aber noch nicht einmal die braucht es, um sich Berger und seinen sechs Saiten genüsslich hinzugeben. Die beweihräuchernden Bucheinschlag-Werbetexte im Video genauso wenig.

photo: Philip Hillers

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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