Dresscode für die Ohren – „Total Loss“ von How To Dress Well

"I love to fly.  It's just you alone. It’s Peace and quiet. Nothing around you but clear blue sky. Noone to hassle you. Noone to tell you where to go or what to do. The only bad part about flyin' is having to come back down to the fucking world." Jetzt nur noch "Fly" und "Flyin" durch "How To Dress Wells neues Album 'Total Loss' hören" ersetzen – fertig.


How To Dress Well Total Loss

 

Domino Records / Goodtogo 19. September 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Boomkat


Zugegeben: Projekte mit seltsamen Namen in einer an seltsamen Namen gewiss nicht armen Musik-Welt sind nur bedingt besonders. Dennoch: in dieser Hinsicht gebiert sich How To Dress Well als Einäugiger unter Blinden. Er sticht heraus wie ein Spaten aus der Erde. Und um es gleich vorweg zu nehmen. Das ungewöhnliche Versprechen, das der Name zu machen scheint, wird von der Musik  auf "Total Loss" nicht einfach nur gehalten. Das zweite Album Tom Krells als How To Dress Well enthält elf Songs, die sich so elegant an Hammer, Amboß und Steigbügel schmiegen, wie man das sonst vielleicht nur  von Jump-Suits aus Bio-Nikki erwarten würde.

Dabei ist an der Musik des ursprünglich aus Colorado stammenden, später auch in Köln und Berlin residierenden Mannes mit der hohen Stimme, nichts, was sie als Pop ausweisen würde. Der Mitgesang verbietet sich mangels wiedererkennbarer Songstrukturen und damit eingängiger Refrains gleich von selbst; Krells Timbre dürfte es darüber hinaus sogar Sängerinnen einigermaßen schwer machen, der Fistelei erfolgreich nachzueifern. Selbst der Einsatz sich doch auch sonst bewährender Elemente wie Piano-Pathos ("Say Ma Name or Whatever") oder Streicher-Trauer ("Talking To You") gerät vollkommen aus den Fugen und leistet der musikalischen Leichtverdauligkeit eben keinen Vorschub, sondern einen regelrechten Bärendienst.

Wo James Blake so lange dekonstruiert, bis alles auseinanderfallen zu droht, bleibt How To Dress Well gleich ganz körper- und formlos. Was auch daran liegen mag, dass Tom Krell kein großer Freund tiefer Töne zu sein scheint. Fundament in Form von Bass fehlt den meisten seiner Songs komplett. Sozusagen ohne Anker formen sich aus stehenden Tönen Gebilde, deren Konturen sich mal mehr und mal weniger deutlich abzeichnen. Über diese Schemenhaftigkeit hinaus bleiben die Rauch- und Nebelschwaden artigen Kompositionen ungreifbar. Haargenau diese fehlende Haptik aber ist es, die How To Dress Wells Musik nicht schön, aber so besonders macht.

Krells kanadischer Kollege Akufen setzte für seinen Rekontextualisierung-Ansatz auf  kürzeste Mikroschnipsel, die – in Mengen hintereinander gereiht – funktionieren wie einzelne Töne einer Tonleiter. Dazu im Kontrast ist How To Dress Wells Methode eine eher horizontale, keine vertikale. Er isoliert musikalische Gesten und fügt sie neu zusammen. Der Gesang auf "Talking To You" klingt wie eine Prince-Komposition, die rhythmischen Ausatmer auf "Running Back" sind ohne Michael Jackson vermutlich kaum denkbar. "& It Was U" ist das, was heraus kommt, wenn Omar-S an einem Sonntag-Nachmittag einen Remix für einen New Jack-Swing Hit zusammenschraubt.

Mit "Total Loss" kommt How To Dress Well an einem Ort an, der den Frank Oceans und The Weeknds dieser Welt für immer vorenthalten bleiben wird. Seine Musik schwebt seltsamer Weise über den Dingen, die für die meisten anderen die Welt bedeuten. Das einzig Blöde daran: "Having to come back down to the fucking world".

photo: Andrew Volk

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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