Eier, Öl & Mayonnaise – „Neufundland EP“ von Neufundland

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"Und all die Freigeister und all die Wegbereiter sind genauso auf ihr Maul gefallen wie ich." ("Und Reicht Dir Das?") – Ist das nun Resignation? Textkniff? Oder etwa doch nüchtern-faktische Zustandsbeschreibung? Was übrigens ganz schön ehrlich wäre. Doof zwar, aber dafür eben ehrlich. Es ist übrigens nicht die einzige Frage, die Neufundlands "Neufundland-EP" aufwirft.

Neufundland
Neufundland EP
Fleet Union
04. September 2014
6 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Immer dann, wenn Sänger sich vor allem als verhinderte Poeten/Missionare/Politiker begreifen, wird es schwierig. Neufundland hat gleich zwei davon. Na, jedenfalls ist der Vierer aus Köln angetreten, um das Phänomen Deutsch-Pop um jene Zeitgeist-Aspekte zu bereichern, die ihm zwischen "Pop und den Weiten des elektronischen Kosmos 2015 noch fehlen". Sagt wer? Der Waschzettel. "Deutscher Pop darf sogar grotesk sein", steht da weiter. Was das mit Neufundland zu tun hat? – Das liegt doch auch in Kanada.

Apropos: "Neufundland" von Neufundland ist vieles, aber grotesk? – Zweifelsohne sind Neufundland ambitioniert. Die knapp 28 Minuten Spielzeit verteilen sich auf der selbstbetitelten EP auf nur sechs Songs, davon ein Instrumental ("Syn-") und drei  jenseits der Fünf-Minuten-Marke. Ob man wegen der Songlängen schon von Art-Pop sprechen kann? Nein. Aber Aufbau und Strukturen von "Turbulenzen", "Rückenwind Pt. II" und "Reicht Dir das" deuten an, wohin die Reise gehen könnte, wenn man sich von tradierten Schemata löst und terra incognita betritt. Auch die Doppelspitze in Sachen Gesang ist ein solches Wagnis. Für das einzugehen Neufundland belohnt wurden – das passt so. Sehr gut sogar. Anderes nicht.

Die etwas unentschlossene Rumeierei zwischem Minimal-Elektronika-Geplänkel, Sägezahn-Bass-Attacken und fett produziertem Indie-Sound will auf dem "Syn-" Instrumental einfach nicht emulgieren. Wie bei Mayonnaise mit kühlschrankkalten Eiern. Klangtechnisch bewegen sich Neufundland dennoch in bester Gesellschaft zwischen Bilderbuch, Nörd und den Fricklern von AB Syndrom. Inhaltlich bzw. textlich allerdings spielen Neufundland in der Trümmer-Liga: Sturm & Drang Poesie, gemischt mit sanfter System-Kritik, Rimbaud-Zitaten und Tom Waits-Aphorismen. In der Regel führt das zu kruden, um nicht zu sagen schiefen Bildern.  ("Wo sollen wir wir uns unterstellen, wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt? [...] Das hast Du mir ans Herz gelegt, jetzt krieg ich’s nicht mehr weggehoben") Da aber auch Neufundland mit der Ausnahme per Du sind, stechen zwei Nummern ganz besonders heraus. Zum einen das musikalische Essay "Rückenwind Pt. II" und dann der längste Track des Albums "Turbulenzen" – eine Hymne auf die Flugangst? – der Song mit dem besten Text und dem Zitat der Woche: "In schweren Turbulenzen ist niemand Atheist".

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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