Ein Wünsch-Traum – „Internal Conversion“ von Christian Wünsch

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Es herrscht Sommer. Überall eitel Sonnenschein, fröhliche Melodien und pollendurchtränkte Open Air-Festivitäten auf blühenden Wiesen.  In ganz Europa herrscht der luftige Groove. Moment. In ganz Europa? In einigen dunklen Kellern, Bunkerstudios und schwarzgestrichenen Industriehallen leistet eine Gruppe von Produzenten erbitterten Widerstand gegen grenzdebilen PolkaHouse und tubaschwangeren BlödelTechno und kämpft verstreut aus ihren Betonverschanzungen heraus gegen die  unerträgliche Seichtigkeit auf den Dancefloors.

Einer von ihnen ist Christian Wünsch, der von seiner nordspanischen Bastion aus mit seinem  Debutalbum "Internal Conversion" mehr Ernsthaftigkeit im Clubkontext einfordert und nach 15 Jahren als Produzent und kreativer Kopf der beiden Labels Tsunami Records und Nine Records nun auch auf der Langstrecke allen Spassvögeln und Pappnasen das Fürchten beibringt.

 

Christian Wünsch
Internal Conversion
PoleGroup
02. Juni 2019
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | HHV

Geschult an brettharten Betonwänden von Clubs wie dem alten Tresor und einer keinesfalls zu unterschätzenden No Bullshit-Attitude, präsentiert Christian Wünsch mit Tracks wie "Auger Electrons" alles andere als leichte Kost, sondern begreift Techno als martialisch muskulöse Körpermusik mit der Durchschlagskraft und Eleganz eines panzerbrechenden Grosskalibergeschosses. Wenig Atmosphären, dafür gnadenlos treibende Beats und weltraumkalte Sequenzen als rythmische Ergänzungen buchstabieren D-R-U-C-K in Großbuchstaben und lassen schon auf Kopfhörern ahnen, wie brutal diese Art von Musik im Clubkontext wirken mag. Selbst weitgehend Listening-orientierte und beatlose Tunes wie "When The Process Is Expected" erinnern mehr an den beklemmenden Soundtrack der "Alien"-Reihe denn an eine erholsame Rast – tödliche Kälte und ungebetener Besuch könnten jede Unachtsamkeit sofort hart bestrafen.

Und so geht der Ritt durch die Nacht mit dem dunkel-modulierten "Ionized" weiter,  das die schwitzende Clubcrowd ab ca. Minute 3:20 mit kurzen, auf jeden Schlag gesetzten Claps in den Wahnsinnn treibt, während der "Radioactive Decay" mit versetzt gedoppelten Bassdrums und wummernden Tieffrequenzen nicht nur an den Nerven, sondern auch an der Standfestigkeit jeglichen Gemäuers nagt und sich somit auch als probates Mittel zur Echtzeitkriegsführung in Krisengebieten empfiehlt – Zielsetzung: Totalzerstörung jeglichen Widerstandes in weniger als sieben Minuten. Auch wenn die "Nuclear Transition" noch einmal beatfrei Raum zum Durchatmen – nicht: Entspannen – gewährt, setzt Christian Wünsch auch auf den letzten Minuten seines knapp 45-minütigen Debüts seinen musikalisch eingeschlagenen Weg in letzter Konsequenz fort und macht "Internal Conversion" damit zu einem Album für absolute Technopuristen, DJs und Clubgänger, das sich ausserhalb von Clubs wie dem genannten Tresor oder dem Berghain nur wenigen szenefremdem Ohren erschliessen wird. 

Trotzdem und auch gerade deswegen, und ohne an dieser Stelle ein ob des martialisch-akustischen Dauerfeuers ein altüberliefertes, durchaus passendes Ulbricht-Zitat aus der Versenkung der Geschichte zu holen, liefert Christian Wünsch mit den neun Tracks des Albums konsequent und funktional schnörkellos ab und verleiht so dem dieser Tage etwas verwaschenen Technobegriff wieder mehr körperlich forderndes Gewicht. Mission erfüllt.

Fotos: Maxi del Campo

 

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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