Dance Shop Boys – „Electric“ von Pet Shop Boys

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Was haben sich die Jungs von der Tierhandlung nicht schon alles anhören müssen?! – Schwülstpop-Hasardeure, Kopf-Disco-Meister, West-End-Girls-Verschmäher. Andererseits gilt: Wer sich eines Klangverbrechens à la "Go West" schuldig gemacht hat, muss auch mit so etwas klarkommen. Wie gut den beiden das gelingt, zeigen die seit über 30 Jahren performenden Pet Shop Boys auf ihrem aktuellen Album "Electric".

Pet Shop Boys
Electric
X2 Recordings / Rough Trade
12. Juli 2018
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Nach der Vertonung vom "Panzerkreuzer", Ballett-Musik-Kompositionen und einer mäßig erfolgreichen Compilation ("Back To Mine") kehrten Neil Tennant und Chris Low 2012 zurück zu ihren Leisten. "Elysium" ward zwar kein Bestseller, entpuppte sich aber für die Boys als kreativer Jungbrunnen. Weil die Arbeiten am letzten Album derart fruchtbar und ergiebig waren, dass nur ein kleiner Teil der Songs auf das letzte Album passte, folgt die Veröffentlichung von "Electric" weniger als 12 Monate nach dem Vorgänger.

Dass beide Alben dennoch so wenig miteinander zu tun haben, sich so fundamental voneinander unterscheiden, haben Tennant und Lowe der Allzweckwaffe Stuart Price zu verdanken. Als Spezi für den elektronisch informierten Hüftschwung hat der französisch sprechende Brite schon ganz anderen die Tanz-Bein-Schwingerei gelehrt. Nicht, dass die Pet Shop Boys diesbezüglich Nachhilfe bräuchten. Aber so ganz aus ihrer eigenen (und nicht mehr ganz jungen Haut) können auch sie nicht. Und wie gut ihnen die klang-dynamischen Zuspitzungen und dramaturgisch zwangsläufigen Rhythmus-Werkeleien tun, lässt sich nirgendwo besser beobachten als bei "Fluorescent" und "Inside A Dream". Bei allem Geflirre und den breit-pinseligen Synthie-Flächen auf "Fluorescent" – derart beherrschen können hätten sich die Pet Shop Boys von alleine nie. Dito "Inside A Dream", der noch überzeugendere Track von den beiden. Was hier als Pet Shop Boys Original verkauft wird, legt vor allem Zeugnis von Price’ Vergangenheit als Les Rythmes Digitales,  Jacques Lu Cont und Thin White Duke ab – nur eben mit Neil Tennant am Mikrofon. Diese Tatsache allein darf übrigens als freundliche Ironie des Schicksals gedeutet werden – hatten die Pet Shop Boys doch wesentlichen Einfluss auf die musikalische Sozialisation des 1977 geborenen Price (die man ihm seit als 15 Jahren überdeutlich anhört).

Nun ist aber nicht alles Gold, was Pet Shop Boys mäßig glänzt. "Love Is A Bourgeois Construct" ist so ein Track; da hilft auch die Marx-Referenz nicht. Und ob Bruce Springsteen das Cover seines "The Last To Die" für gelungen hält, darf ebenso bezweifelt werden. Die Rap-Einlage auf "Thursday" wirkt vor allem verzichtbar, und ein Pet Shop Boys untypischeres "Bolshy" hätte zumindest den Autor nachhaltiger überrascht. Immerhin gelingen Tennant, Lowe und Price sowohl mit "Axis“ als auch mit "Shouting In The Evening" ein paar ziemlich unerwartete Kracher. Letzteres hätten sich Boris Blank und Dieter Meier wohl auch für das nächste Yello-Album gewünscht. Und "Axis" klingt auch ohne Remix wie von Boys Noize. Was die großartige, aber an Stellen stark überzeichnete Single "Vocal" so besonders macht? – Anhören, anhören und nochmals anhören.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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