Fliegeralarm im Medienbunker – Still Flyin‘ in Hamburg

Beim Betreten des Medienbunkergeländes in Hamburgs Feldstraße – am gestrigen Abend zwischen 20 und 21 Uhr – darf erst mal gestaunt werden: Eine einigermaßen beeindruckende Menschenmenge wartet auf Einlass zum Konzert. Zu dem von Marina and the Diamonds. Wer zu Still Flyin' möchte, der muss ein paar Meter weiter durch eine zwielichtige Tür schleichen, die genauso gut ein Liefereingang sein könnte. Dann aber öffnet sich ein Gang zu einem riesigen Turm mit Wendeltreppe. Shit, not flyin' yet. Ermutigende DIN A 4 Zettel erleichtern den Aufstieg in den vierten Stock und ins Foyer...

Da geht’s dann wieder nicht so groß zu, wie im Treppenhaus. Eher wie beim Konzert einer Schülerband. Still Flyin's Bassist packt die Merchandising Artikel aus. Schallplatten und CDs liegen schon. Ein paar Raucher stehen herum und – naja – rauchen. Weiter hinten, da wo der Tresen und die Bühne sind, sind noch ein paar Leute mehr. Ist ja noch früh. Die Dame am Tresen hat was zu lesen dabei. Später wird’s, es kommen noch ein paar Zuschauer. Als 70 Minuten nach Einlass klar ist, das es das nun war, beginnt die Vorband. Vor gut 50 Interessierten...

...die offensichtlich größerenteils dank Tripping The Light Fantastic ihren Weg ins Übel & Gefährlich gefunden haben. Er herrscht eine sehr freundschaftliche Atmosphäre. Dann geht’s los. Und zwar gut. Das Set beginnt mit ein paar Stücken, die den geneigten Hörer unmittelbar in den Beat- oder Star-Club zurück versetzen. Achim Reichel hatte ja auch einen deutschen Akzent. Klar. Schade, dass die sechs Hamburger Jungs und Mädchen nicht in Schwarz-Weiß auftreten können. Auch schade, dass die Instrumente immer wieder wild getauscht werden. Das ist zwar ein hübscher Effekt, nützt aber der Musik herzlich wenig. Mit festen Rollen hätte es vielleicht nicht ganz so holperig klingen müssen. Außerdem gehören die durchschnittlichen Balladen nicht fast geschlossen ans Ende, nach den ganz tollen Beatbrettern... Andersherum wäre ein Schuh daraus geworden. Ein Tanzschuh. Insgesamt aber schöne 40 Minuten. Die letzte Hymne geht dann auch wieder gut los. Still Flyin', vorher im Publikum, stehen jetzt mit auf der Bühne und helfen beim Refrain. Sehr familiär das Ganze.

Nach einer kurzen Umbaupause beginnen Still Flyin' ihr Konzert mit Candlemaker einem Kracher vom letzten Album On A Bedroom Wall, der wie ein Eimer Kaffee ins Gesicht wirkt. Plötzlich ist alles ganz anders. Der kahle Bunkerraum verwandelt sich in einen Pub. Oder besser: Eine Festwiese. Irgendwas dazwischen. Nach der kumpelhaften Ansage, die wieder mit dem Schülerband Szenario kokettiert – wobei kokettieren nicht das richtige Wort für einen Typen wie Sean Rawls ist – beginnt eine Reise in die Welt der Immer Fliegenden.

Dabei schaffen es die wiederum sechs Jungs und Mädels aus San Francisco, sowohl ganz normal und teilweise sogar schüchtern zu wirken, als auch routiniert ihre Musik zum Besten zu geben. Eine tolle, vor allem sympathische Mischung. The Other Side vom Debutalbum Never Gonna Touch The Ground hält die Energie und legt in Sachen naive Fröhlichkeit noch einen drauf.

Es folgt ein Programm aus Treibendem und Schwelgendem, bei dem man aktuelle und ehemalige Bandmitglieder etwas besser kennenlernen kann. Der Bassist schwitzt schnell. Der Gitarrist/Perkussionist gibt sich sichtlich Mühe und ballert mit ebenso großem Ernst wie Elan immer wieder Standtrommelwirbel ins musikalische Gedränge. Die Keyboarderin, die immer wieder mit toller Stimme Gesang in den Vorder- oder Hintergrund schickt, ist nicht schüchtern, sondern zurückhaltend. Irgendwie in sich ruhend. Ähnlich wie Frontmann Sean Rawls, der kaum mal die Augen aufmacht. Gechillte Bande!

Ganz anders verhält es sich mit dem Mann an Vibraphon, Alt-Sax und Gitarre. Der macht durchaus so etwas wie Show in großartigster Klassenkasper Manier. Dabei ist das offensichtlich gar nicht ans Publikum adressiert. Alles, was ihm einfällt scheint direkt in die Tat umgesetzt zu werden. Auch die Bandkollegen schenken dem gerne mal ein überraschtes, aber liebevolles Lächeln... Tolle Stimmung!!

Und der Schlagzeuger? Der war früher mal der Tänzer der Truppe – als Hippies in disguise kann man sich sowas ja leisten. Und Trommler ist er nur geworden, weil sein Vorgänger nach der letzten Deutschlandtour in Berlin geblieben ist, der Liebe wegen. Große Gefühle!!!

Nach einer Stunde Programm darf sich das Publikum die Zugaben aussuchen. Zwei Stücke, die Still Flyin' nach eigener Aussage schon lange nicht mehr gespielt haben, werden abgefeuert, als wären sie frisch geprobt. Und die zeigen, dass sich das erste Album – obwohl nicht so professionell produziert, wie das zweite – für solche intimen Liveauftritte noch viel besser eignet.

Zu guter Letzt gibt es dann noch den Titeltrack des Debuts, die großartige Hymne Never Gonna Touch The Ground, auf die Ohren und in die Herzen. Diesmal ist es der Headliner, der Tripping The Light Fantastic auf die Bühne und sogar an die Instrumente bittet. Wie gesagt: Alles sehr familiär... Und als am Ende fast alle im Raum „Still flyin', never gonna touch the ground!“ singen, ist alles gesagt. 80 Minuten Realitätsflucht gehen zu Ende, aber werden lange Schatten werfen. Und wer nicht gestorben ist – wahrscheinlich niemand – fliegt beglückt nach hause.

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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