Flüssig Flüssig – „Reel To Real“ von Dennis Young

dennis young

Ein weiterer Blick zurück in die Musikgeschichte, diesmal in die Jahre 1982/83. Im New Yorker Underground regierten PostPunk und P-Funk und eine Band ist ganz vorne mit dabei – Liquid Liquid, deren Song "Cavern" unter anderem Samplevorlage für Grandmaster Flash & The Furious Five's oft missverstandene Anti-Kokain-Hymne "White Lines" war. Mitglied jener legendären Band war zu jener Zeit auch Dennis Young, der den Liquid Liquid-Sound mit Percussions und Marimba-Spiel ergänzte, nebenbei jedoch auch in den heimischen vier Wänden noch Zeit fand, um mit einem SetUp aus Schlagzeug, Effektgeräten und analogen Synthesizern zu experimentieren und die vorwiegend perkussiv-fieberhaften Resultate mit einem Zweispur-Tonbandgerät zu konservieren, ohne ihnen in den folgenden 30 Jahren weitere Beachtung zu schenken, nachdem in 1984 ein Vierspurrekorder das Tonband als Aufnahmemedium der Wahl im Studio ablöste.

Dennis Young
Reel To Real
Staubgold / Indigo
30. Januar 2015
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Staubgold

Doch drei Dekaden später packte Young die Neugier beim Umschichten alter Kartons, er sichtete die längst vergessenen Songs und filterte die Essenz zum vorliegenden Album, dass mit "Reel To Real" den passenden Titel zum Aufnahmeverfahren trägt und einen spannenden,  oft auch abwechslungsreichen Einblick in die Undergroundszene der frühen 80er gewährt, deren oft verschwommene Lo-Fi-Ästhetik auch heute noch vielen Künstlern und Produzenten als Vorlage und Inspiration gilt.

Mit dem treibend-wahnhaften "Panic In The Air" und den Echo meets Synthesizer-Experimenten auf "Unknown Origins" weiß Young die Liebhaber von obskurem Minimal- und SynthWave zu begeistern, "Little Girl" versprüht fast Folk-hafte Intimität, während sich die "Radio Transmission I" einer weitgehend als Plunderphonics bekannten Produktionsmethode bedient und zufällige Mitschnitte aus dem Radio musikalisch verarbeitet. Der "Overdub Dub" bettet - natürlich – Dub-Einflüsse in ein Gerüst aus PostPunk, "Space Reserved" kombiniert die einer Band wie X-Mal Deutschland innewohnende verzweifelte Sehnsucht mit mäandernd-kosmischen Synth-Modulationen während "Aliens" mit einer hart kaputten Attitude irgendwo zwischen Blues und trunken-verdrogter Assoziationsparanoia flirtet und das "Drum Solo" mit seiner perfekt ausgewogenen Balance zwischen straight-forward und Jazz-beeinflussten Eskapaden jede Tanzfläche zum Kochen bringt.

Gestrandet auf halber Strecke zwischen LSD-Trip und gniedelndem Instrumental Novelty Country ist das kurze Interlude "Tape Interface For Guitar" und auch die verspulten Echowelten in "Sprayed" stehen der psychoaktiv-induzierten Selbsterforschung vermittels wahrnehmungsverändernder Substanzen definitiv positiv gegenüber und wecken phasenweise Erinnerungen an Tangerine Dream's unvergessenen Soundtrack zum Film "Sorcerer". Freunde des Apocalyptic Folk im Stile von Acts wie Current 93 kommen mit "Signals In Time" voll auf ihre Kosten, "More Is Less" versprüht noch einmal abstrakt-robotischen Schlagzeug-Funk bevor "Contortions" zum grossen Finale läutet und die Kombination aus MinimalWave und fiepsigem Echowahn so exzessiv auf die Spitze treibt, dass schlussendlich nichts mehr bleibt ausser einer Wand aus rhythmisch-maschinellem Lärm für die fortgeschrittenen Tanzflächen dieser Welt. So ist dieser Track wie auch das ganze "Reel To Real"-Album - fordernd, zuweilen anstrengend, aber durchaus gut und für Fans des Genres ohnehin ein wichtiges Zeitdokument.

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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