Gefühlsmilliardär – „Afrika“ von Dagobert

Dagobert_VictorStaaf

"Für mich ist hier kein Platz mehr frei / Mein Menschenleben ist vorbei / Nun werde ich zum Tier / und gehe fort von hier. " – Wenn auch durchaus knackiger und auf den Punkter formulierbar, fasst der Anfang der zweiten Strophe von "Afrika", dem Titelstück des zweiten Dagobert Albums, des schönen Schweizers Raison d'Être vollumfänglich zusammen – dieser Mann braucht den Rest der Menschheit so sehr wie ein Eisbär Schneeschuhe. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb bleibt zu hoffen, dass "Afrika" nicht sein letztes Album wird.

Dagobert
Afrika
Buback / Universal
20. März 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Auch wenn es umständlich klingt – Dagoberts Musik macht mit dem Wissen um dessen außergewöhnliche Biographie eigentlich noch mehr Spaß. Nicht, dass man sie ohne nicht hören könnte. Aber der Werdegang des arbeitsscheuen Asketen mit unfassbarer Dandy-Attitüde – eine Mischung aus Oscar Wilde und Thor Heyerdahl – hilft, zumindest einige der Fragen, die sich jedem Hörer unweigerlich und schon bei der ersten Hörprobe stellen, zu beantworten. Für sein Debüt "Dagobert" galt das sogar noch mehr als für das jetzt erschienene "Afrika". Statt Lo-Fi-Ästhetik und  One-Man-Band-Mit-Synthie-Und-Rhythmusmaschinen-Sound dominiert auf "Afrika" ein vollmundiges, ordentlich ausproduziertes Klangbild. Zu verdanken haben das die Hörer und Dagobert aber nicht nur Markus Ganter, der zum zweiten Mal als Dagobert-Album-Produzent verantwortlich zeichnet. Sondern vor allem der Band, die der ehemalige Hardcore-Solist in den letzten beiden Jahren um sich geschart hat. Die Rhythmusgruppe mit Tastenmann und wenn es sein muss, auch noch Bläsern und Streichern, stattet Dagobert mit mehr als nur einem amtlichen Sound aus. Sie macht ihn zum Bandleader und verschafft ihm auf eine gänzlich unironische Weise eine seriöse Autorität, die in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu der sonstigen Wahrnehmung von Dagobert als Musik-Künstler steht. Besonders eindrucksvoll gelingt das auf "Angeln Gehen", "Rede Mit Mir" und "Jenny".

Allerdings stößt dieser Prozess der Entmerkwürdigung beim Phänomen Dagobert schnell an seine Grenzen; was zum größten Teil Dagoberts Texten geschuldet ist, die in ihrer kindlichen Ironie-Freiheit einen so dermaßen obskuren wie unfreiwilligen Humor vermitteln, dass es einen schüttelt. Verstärkt durch eine ausgewählt imperfekte Darbietung – winziger Ambitus, in hohen Lagen gepresst, eine nicht ganz überwundene schweizer-dütsche Artikulationsschwäche – multipliziert sich die klanggewordene Seltsamheit (das triumphal geschmetterte, aber als Moritat gedachte "Du Bist Tot") vor allem dann, wenn die Band zurückhält und versucht, so nahe wie möglich an den Demo-Versionen des Urhebers zu bleiben. Bei der Single "Zehn Jahre" ist das wegen der Rhtyhmusmaschine überdeutlich zu hören, klingt aber auch bei "Sehnsucht" und "Das Traurige Ende Eines Schönen Tages" durch.

Ob die message-freie und für viele erschreckend uncoole, weil gefühlsduselige Direktheit schon Schlager ist? – Wer das behauptet, wird mit Manfred Krug, Haindling und Ludwig Hirsch genauso wenig klarkommen. Und womöglich behaupten, sogar Helene Fischer sei mehr Pop. Das mag sein. Aber nur weil Dagobert sich jedes, aber wirklich jedes Augenzwinkern verkneift, heißt das noch lange nicht, dass er mit den Playback-Gefühls-Retorten vom Schlage Wendler, Petry und Fischers gemeinsame Sache macht. Während diese ihr Publikum mit vorsätzlich unterkomplexen Klischees für blöd verkaufen, kann man sich bei Dagobert des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser es tatsächlich ernst meint. Zugegeben – das mag noch abstruser sein, als alles andere, was man gemeinhin für möglich hält, aber wer den Gründer und Noch-Immer-Kopf einer der großen Schwermetall-Exportschlager Deutschlands, Miland "Mille" Petrozza von Kreator, davon überzeugen kann sein zweites Album als erster Lead-Gitarrist entscheidend zu gestalten und mitzuprägen -  wie viel abstruser soll es noch werden?

Apropos – bei aller gelungenen klanglichen Neuorientierung – der mit erschreckendem Abstand beste Song auf dem Album ist der, der sich als das Anhängsel des Instrumental-Krachers "Natronsee" in der ursprünglich nur von Dagobert eingespielten Original-Demo-Version versteckt: "Die Schönheit Meiner Welt". Ein Pop-Kleinod mit Gänsehaut-Garantie für alle, die - ja, was eigentlich? - Für alle, die die Einschläge noch merken ...     

Foto: Victor Staaf

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.