Geiles Schnäppchen – „Super Discount 3“ von Etienne de Crécy

etienne

18 Jahre sind eine Menge Zeit. Aus Neugeborenen werden in dieser Zeit volljährige Staatsbürger (meistens jedenfalls), die Beatles hätten sich je zweimal gründen und auflösen können und sogar Boris Beckers gesamte Profi-Tennis-Karriere war kürzer. Etienne De Crécy hat die 18 Jahre genutzt, um an einer Formel zu feilen, mit der er in ihrer ursprünglichen Form Musikgeschichte schrieb. Jetzt veröffentlicht er "Super Discount 3".

Etienne de Crécy
Super Discount 3
Sony Music
16. Januar 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Das Wieso-Weshalb-Warum rund um die Veröffentlichung des ersten "Super Discount" Samplers braucht an dieser Stelle nicht noch einmal wiedergekäut werden – dafür gibt es Bill Brewsters nicht unbedingt fesselnde, aber faktisch korrekte Mini-Doku. "Super Discount 2" wiederum konnte seinem Vorgänger weder qualitativ noch kommerziell das Wasser reichen – eine Einschätzung, die angesichts der Veröffentlichung von "Super Discount 3" keiner Revision bedarf. Das Gegenteil ist der Fall: Nach den ersten paar Takten des Album-Openers "Night (Cut The Crap)" wird klar, dass Crécy seiner Rolle als Mann für die (französische) Musikgeschichte mehr denn je gerecht wird.

Ja – der verspulte Kiff-House, die Blaupause für den stark sample-basierten French Touch bzw. Filterfunk, gehört der Vergangenheit an. Das war aber auch schon auf dem technoid bis electro-clashigeren und deswegen eher trendfolgenden denn -setzenden zweiten Teil der Fall. Was "Super Discount 3" wohltuend von seinem Vorgänger unterscheidet, ist Crécy erstarkte Unerschrockenheit beim Umgang mit unzeitgeistigen Sounds. Auf "Super Discount 3" zeigt der ja auch nicht jünger werdende Produzent keinerlei Scheu, Altes wie Neues vourteilsfrei miteinander zu fusionieren. Selbstredend klingt das Ergebnis State of the Art mäßig dick und vollmundig produziert. Dem Grand-Seigneur Crécy daraus allerdings den EDM-Strick drehen zu wollen ist weder statthaft noch angemessen.

Und ehrlich gesagt geben das die Tracks auf "Super Discount 3" auch gar nicht her: Das bereits im letzten Jahr veröffentlichte "Hashtag My Ass" klingt wie ein Moroder Remix von Falcos "Kommissar". Das mit Kilo Kish entstandene "Follow" badet in einer 1980er Sauce aus "Knight Rider" und "Das Fliegende Auge". Auch das von Madeline Follin gesungene "You" kann sich diverser Sooooo-80ies-Klang-Reminiszenzen nicht enthalten. Dito "Family", auf dem Baxter Dury Yello so nah kommt wie noch nie. Einzig "Smile", eine Alex Gopher-Koop, und "Amazing", bei dem Crécy mit Julien Delfaud kollaboriert, lassen sich ziemlich einfach und eindeutig als von heut identifizieren. Und natürlich das De La Soul minus Maseo Feature "WTF" – der Track, der vor allem wegen seiner Raps eine Sonderstellung einnimmt.   

Ansonsten: Etienne de Crécy gelingt es einmal mehr, ein Album, das vorgeblich mit gefühlten drei Dutzend Gästen und Kollegen entstanden sein soll, mehr nach einem Guss klingen zu lassen, als sämtliche Mick Jagger Solo-Alben zusammen. Dass 18 Jahre nach seinem unabsichtlichen Geniestreich (ist es dann noch einer?) jede Menge mehr klangliche Anknüpfungspunkte existieren, die helfen, das Werk innerhalb des aktuellen Klangkosmos zu verorten (Anoraak, Chromeo, Eskimo-Sampler), ist sowohl der Zeit, als auch dem Einfluss des Geniestreichs geschuldet. Was ich eigentlich sagen wollte: Auf keinen Fall nur für Etienne de Crécy Fans geeignet.  

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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