Genre: Großartige Musik – Yeasayer’s “Fragrant World”

August 3, 2012

Fingen die Liebhaber großartiger Musik an, sich als Subkultur zu organisieren, so mit Uniform und geheimen Handshake, dann wären Yeasayer mit Sicherheit einer der Hauptagitatoren dieser Bewegung. Da das nicht der Fall ist und die Brooklyner sich auf ihren ersten beiden Alben jeder Bekenntnis zu einer einzelnen Mode entzogen haben, ist es nicht verwunderlich, dass sie noch als Geheimtipp gehandelt werden. Daran wird auch ihr drittes Werk Fragrant World nichts ändern. Aber der fiktive Genrebegriff "Großartige Musik" scheint für eine gute Dreiviertelstunde Wirklichkeit zu werden.


Yeasayer
Fragrant World

 

Mute / Goodtogo
17. August 2012

 

Erhältlich bei:
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Zugegeben: der Unterschied zwischen den ersten beiden Alben All Hour Cymbals und Odd Blood ist auf den ersten Höreindruck viel markanter, als der zum dritten Album. In vielerlei Hinsicht ist Fragrant World eher eine Fortsetzung dessen, was auf Odd Blood begonnen wurde. Noch mehr elektronisch, noch mehr Achtziger, noch weniger Siebziger, viel mehr Gegenwart und viel mehr R'n'B. Den wirklich großen Unterschied macht die größere Selbstverständlichkeit und das größere Selbstvertrauen, mit dem die neue Stücke an den Start kommen. Fragrant World wirkt viel erwachsener und - naja - am Ziel angekommen. Die vorangegangenen Experimente tragen Früchte. Und die bieten die Basis für wiederum neue Wege, denn an Risikofreude, Forschergeist und Verspieltheit mangelt es dem Album auf keinen Fall.

Im Zentrum der ersten Hälfte steht Henrietta, das schon vorab zu hören war, und das der mutigen und unbedingt künstlerischen Arbeitsweise der drei Ja-Sager ein perfektes Beispiel gibt. Der Anfang klingt fast, wie von Richard Marx gecovert. Hitpotential im Überschwang. Und dann plötzlich, nach nicht mal zwei Minuten... Aber das ist nicht zu Beschreiben. "Oh Henrietta, we can live on forever!"

Die ersten sechs Tracks geben Fragrant World das Potential zum All Time Classic aufzusteigen. Da stimmt einfach alles. Jeder Song ist für sich ein Meisterwerk, einer führt zum nächsten. Alles ist voller Energie, dicht, zwingend... Wer dazu "Nein" sagen kann, der lehnt auch nach zwei Wochen Wüste einen Sonnenschirm ab. Say Yea Yea! Schon der Opener Fingers Never Bleed macht klar, das auf Fragrant World scharf geschossen wird. Was anfäng, wie eine progressive Dubstep Nummer, entpuppt sich als energiegeladene Powerballade im Achtzigergewand. Ein großartiger Auftakt!

Und dann geht's erst richtig los. Longevity schreibt Musikgeschichte. Ein schwerer, klebriger Groove, über den eine Pizzikatomelodie stolpert, bietet die Basis für einen Track, der Welten zum Einstürzen bringen könnte. Nicht der eingefleischteste R'n'B-Hasser wird sich dem entziehen können. Und das gewürzt mit einer Messerspitze Jacko und einem gehäuften Esslöffel Boygroup! Enorme Catchyness und viel Druck machen Longevity zum Anwärter auf den Posten "Stärkster Track". Auch wenn ihn Mancher heimlich genießen wird. Bei einem schamvoll geschlürften Grapefruit-Bier.

Blue Paper nimmt fahrt auf, Henrietta macht Fass auf. Devil And The Dead schlägt dann in eine ähnliche Bresche, wie Longevity. Die Strophe hätte Omarion nicht besser singen können. Den Refrain könnte Prince zwar wahrscheinlich besser singen, aber das ist was anderes... No Bones gibt dem Ganzen dann den Arschtritt, den es gut vertragen kann. Das wummst ordentlich und passt sich gut ins Album, obwohl es seine waren Stärken erst live zeigen wird.

Jeder einzelne der folgenden Tracks kommt nach wie vor großartig daher. Reagan's Skeleton ist ein rotziger Wave-Stampfer. Der Taktwechsel in Demon Road von 6/4 zu 9/4 ist nicht nur was für Liebhaber von Frickeleien. Er macht musikalisch Sinn. Der Zuhörer kommt ins Schwimmen, weil's so schön fließt. Wahnsinn! Und in Damaged Goods zeigt Chris Keating, dass nicht nur Sascha Ring und Thom Yorke mit ihrer Kopfstimme umzugehen wissen. Trotzdem stellt sich in der zweiten Albumhälfte eine unleugbare Trägheit ein, die durch Folk Hero Shtick zu spät und halbherzig aufgebrochen wird. Dadurch steht Glass Of The Microscope auf fast verlorenem Posten, den es aber selbstbewusst zu verteidigen weiß. Zwar handelt es sich um einen klassischen Rausschmeißer, aber der kommt mit einer atemberaubenden Klangdichte daher. Die schwüle Ruhe und die unterschwelligen Energiemassen künden von einem zu erwartenden Sturm auf die Plattenläden.

Wer Angst hat, seine mit viel Mühe und Zeit gezüchteten Genre-Scheuklappen zu verlieren, der sollte von Fragrant World unbedingt die Finger lassen. Jeder andere sollte die Platte kaufen, hören, wieder hören, studieren, und nebenbei überlegen, welcher Look und Handshake zum neuen Genre passen könnte. Die Ergebnisse bitte auf den kommenden Konzerten präsentiert. Denn hoffentlich sind Yeasayer bald überall live zu sehen. Vielleicht mit Radiohead als Vorband? Leider nicht...

photo: anna palma

Posted by: christian
Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.
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