Geräusche statt Musik – „SQID“ von SQID

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SQID – hinter diesem in Kapitalen geschriebenen Pseudonym stehen Angelica Castello, Mario De Vega, Attila Faravelli und Burkhard Stangl, die sich mit dem vorliegenden Album voll und ganz der konzeptuellen Klangkunst widmen. Bereits im April auf dem russischen Label Mikroton Records erschienen und mit etwas Verspätung als Promo auf dem Redaktionstisch gelandet, geht es auf dieser, in schlichtem Weiss gehaltenen, Doppel-CD vorwiegend um die Vertonung von Orten, genauer noch Teilorten und einzelnen Gegenständen auf dem in Österreich nahe der österreichisch-ungarischen Grenze befindlichen Kleylehof-Areal,welches das trinationale Quartett im Rahmen einer Artist Residency im August 2014 vorwiegend unter Zuhilfenahme von allem in der Experimentalmusik gebräuchlichen Techniken wie Field Recordings und Found Sounds sonisch erkundete.

SQID
SQID
Mikroton Recordings
 
7 / 10
Erhältlich bei Bandcamp | Mikroton Recordings

Wer jetzt Avantgarde und schwere, nur für einen kleinen Expertenkreis zugängliche akustische Kost vermutet, liegt durchaus richtig, denn in den – jeweils nach dem Dateinamen eines Bildes im beiliegenden Booklet benannten – Tracks sucht der Normalkonsument vergebens nach vertrauten Instrumenten oder Strukturen und findet stattdessen quietschende Türen, prasselnden Kies, hörbar gemachte Infraschallwellen nahegelegener Windkraftanlagen, dunkle Bassdrones, akustisch umgesetzte Aufzeichnungen elektromagnetischer Felder und vieles mehr, in Lagen geschichtet zu einer teils meditativen, teils vollends abstrakten Klangerzählung jenseits des allgemeinen Musikbegriffes.

Nur zuweilen schleichen sich bekannte Elemente wie Drones oder sogar mikromelodische Ambient-Referenzen ein wie in "IMG_7760", während Tracks wie "IMG_7796" mit der spröden Kälte einer hypersterilen Laborumgebung der Zukunft kokettieren, in der nur noch Maschinen nahezu lautlos ihre Arbeit verrichten und "IMG_7899" zuweilen an gurrende Laute einer im fernen All existierenden Zivilisation denken lässt. In "IMG_7909" scheint sich eine Harfe in das Ensemble der entkontextualisierten Alltagslaute einzureihen und auf "IMG_7919" nimmt der geneigte Hörer außer ausschweifender Stille auch kratzenden Draht und brechendes Holz wahr, das sich neben klingelnden Kleinteilen in Glasgefässen und psychedelisch wabernden Bässen auch auf "IMG_8035" wiederfindet, während "IMG_8127" mit quietschenden Tönen und vergleichsweise hektischen Field Recording-Aktivitäten über bedrohlichen Subfrequenzen aufwartet und damit die erste der beiden CDs abschliesst.

Auf CD2 finden sich mit "IMG_7728" und "IMG_7923" nur zwei weitere Tracks, die jedoch schon aufgrund ihrer Laufzeit von ca. 31 bzw. 17 Minuten zusammen ein ganzes Album für sich darstellen. Auch hier kratzt, knarrt, klappert, klockert und klingelt es jenseits bekannter Strukturen und lässt – ob fehlender visueller Bezugspunkte – dem Kopfkino freien Lauf: Gartenarbeit unter den wachsamen Blicken von Weltallwesen, deren Antriebsgeräusche stets präsent im Hintergrund pulsieren? Oder doch eine Ankunfts- und Werkhalle, wie die hallig-blechernen Sprach- und Durchsageschnipsel vermuten lassen? Derart aus dem Kontext gerissen lässt sich die Frage nach dem genauen Ursprung der den Kompositionen zu Grunde liegenden Geräuschen kaum eindeutig beantworten, doch gerade diese Freiheit der Interpretation macht SQID's selbstbetiteltes Debut zu einer spannenden Reise in die Welt des reinen Klangs.

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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