„Germany’s Next Dub Model“ – The Kings Of Dubrocks „Fettuccini“

Mit Fettuccini zeigen The Kings Of Dubrock deutlich, dass sie bereit sind, in der Oberliga zu spielen und musikalisch sowie wörtlich in die Breschen springen, die Bands wie Seeed und Deichkind geschlagen haben. Und da die drei Wahl-Weltraumbewohner das ganze Album mit einer gehörigen Prise Hippietum würzen, richtet es sich nicht nur an Assoziationsfanatiker, sondern auch an Tanzbegeisterte, Weltverbesserer und andere Kiffer...


The Kings Of Dubrock Fettuccini

 

Staatsakt / Rough Trade 03. August 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Mit dem fröhlich-dämlichen Dubstop macht das zweite Album des Trios um den Studio-Brauner Jacques Palminger von Anfang an klar, was von ihm zu erwarten ist: Eine musikalische Irrfahrt ohne Angst vor Niveaueinbrüchen, aber auch ohne Furcht vor professioneller Produktion. Herrliches Understatement glitzert manchmal zwischen den Text-, nicht aber zwischen den Notenzeilen. Dubstop ist der perfekte Opener für ein bemerkenswertes Album.

„Ein Leben voller Wunder in einer Stadt voller Feinde.

Momente der Ewigkeit hinter Bergen von Müll.“

Kinder der Sonne

Das brachial bouncende Kinder der Sonne hätte auch auf Ton, Steine, Scherbens Album IV landen können, hätten Paul und Konsorten sich derartig viel Speed leisten können. Der Text macht unberechtigt Sinn, weil er Riosche Familienweisheiten verkündet. Und Kinder von irgendwas, und Sonne und so, das ist alles verstrahlt genug. Hochgepitchte Chöre, Unisono von Männer- und Frauenstimme, das passt alles ins Bild. Und das elektronische Fundament ballert im Takt. Irgendwie dubbig, aber im angedeuteten Drum & Bass Gewand. Und extrem quirlig. Sexy wie Seeed, aber mit mehr Bums! Groovende Musik zum pogen...

Kleiner Kapaun, hast du Ladung drin? Oder wo sind deine Pupillen hin...?“

Calimero

Mit Calimero hauen die drei Könige ein schwitziges und merkwürdig märchenhaftes Drogenepos durch die Boxen, dessen Refrain überraschend und seltsam folgerichtig den Geruch eines Revolutionsliedes verbreitet. Ekel, Mitleid und Wut kämpfen um die emotionale Vorherrschaft. And the winner is...: die emotionale Verwirrung. So toll wären Deichkind gerne immer noch. Vom Deich an den Strand: Für Beruhigung sorgt nun erst mal der Beachbuggy. Fast alle dürfen sich kurz erholen, nur nicht der Subwoofer. Sängerin Rica Blunck zeigt, dass sie nicht nur als multilinguale NDW-Klangfarbe für pampige Energie sorgen kann. Richtig schön.

Wie jedes Wochenende, lösche ich sämtliche Freunde

und fahre los, um mir neue zu holen.“

Beachbuggy

Musikalisch zwischen Krabbenfischerdoku und bemühtem Sommerhit anzusiedeln, schnappt sich MDMA den Job des schwächsten Tracks der Platte. Die orientalischen Streicher, die vor acht Jahren Britney Spears zu einem freshen Sound verhelfen konnten, wirken hier völlig fehl am Platz. Weniger daneben hätten die Wise Guys als Gaststars gewirkt. Toll ist allerdings, dass Rica Blunck ein Solo bekommt, dass sie stimmlich großartig zu nutzen weiß. Mit der – im allerbesten Sinne des Wortes – dümmsten Bassline aller Zeiten treibt Uhren befummeln die Zeit den Niveauabstieg so weit – durch den Boden, durch die Decke –, dass man hier dann doch von Kunst sprechen muss. Fans und Feinde werden sich um diesen Song in blutigen Straßenschlachten streiten. Leider ergibt sich aber zusammen mit dem folgenden Scatman Dub eine nicht zu leugnende Durststrecke.

Paranoia wie Aleister Crowley. Was wir sagen bleibt in St. Pauli. Streng vertrauli.“

Red, Yellow & Black

In der Bibel steht geschrieben: Die Durstigen werden ein Bierchen bekommen. Red, Yellow & Black macht ein Fass auf. Dicke Bässe verkünden die Dubfassung von Made To Playschem Balkanbeat. Das folgende Honk if you like Dub kann man verzeihen. Russkerzenparty kommt zwar nicht an Remmidemmi ran, macht aber musikalisch genug davon. Die Rolle, die Beatzauberer Viktor Marek auf diesem Album spielt, kann nicht genug hervorgehoben werden!

Und diesen ganzen Schwätzern, ey,

denen sollte man mal ein After Eight unter die Vorhaut schieben.

Und wenn die Zartbitterschokolade geschmolzen ist, dann kommen die Schmerzen.

Das Gesetz Der Stille

Mit Das Gesetz Der Stille gelingt dem Trio eine gechillte Nummer erster Güte. Und gerade der Mann, der das ganze Album über den Schnabel nicht zu bekommt, lästert hier über das ewige Gerede überall. Grandezza! Viaggio Alla Fortuna erinnert an die Kracher vom Anfang der Platte, ist hübsch und verstrahlt. Leider viel zu kurz. Der wieder grandiose Abschluss des Albums wird von Unter Den Rolltreppen Von Paris bestritten. Das kracht durchaus martialisch und bietet dennoch genug Raum zum Textverfolgen. Pünktlich zum Ende festigt Palminger seine Bandleaderrolle. Bevor Marek noch einmal abschließend die Nachbarn zu den Telefonen ruft.

Bonjour – Bonjour – Haben Sie Interesse an einem Bier aus Früchten und Spucke?“

Unter Den Rolltreppen Von Paris

So wichtig und großartig die Texte und die Vortragsgeste Jacques Palmingers auch sind, garniert von der zuweilen genial eingesetzten Stimme Rica Bluncks, so sehr kommt man nicht umhin, die grandios krachende Musik Viktor Mareks zu loben. Erst auf dieser Grundlage machen die verqueren Betrachtungen des bandeigenen Agitators so etwas wie Sinn. Unterstützt durch die Musik wird es zu einem sehr großen Vergnügen, die Nuancen und die Äxte in den Wäldern der Gedanken Jacques Palmingers aufs Erneute und Genaueste zu verfolgen. Hut ab! Hats Off! Chapeau!

photo: staatsakt

Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.

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