Glaubensbekenntnis – „Today We’re Believers“ von Royal Canoe

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Welche Band kann schon von sich behaupten, Michael Jordan verdinge sich als ihr Drummer?! – Um eventuell entstehenden Missverständnissen zwischen Toms, Körben und Becken vorzubeugen, verfügen Royal Canoe immerhin über einen weiteren Schlagwerker. Das sind nur zwei von einer wie es scheinen will endlos langen Liste an Absonderlichkeiten und Merkwürdigkeiten, welche die Band aus Kanada und ihr einzigartiges Debüt "Today We’re Believers" ausmachen.

Royal Canoe
Today We're Believers
Nettwerk
20. September 2013
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Winnipeg in Kanada ist zwar nicht gerade um die Ecke. Aber Ampeln, Kindertagestätten und den ganzen Rest des normalen Lebens – kurz: Alltag – gibt es dort genauso wie hier. Standardkrass sozusagen. Umso erstaunlicher, dass Royal Canoe auf diesem Boden Musik gedeihen und wachsen lassen, die die Welt so weder gesehen noch gehört hat. Bitte aufstehen, wer sich an die letzte Pop-Single im 15/8-Takt erinnern kann! Das eigentlich Fantastische an dieser Andersartigkeit aber ist, dass sie zu keinem Zeitpunkt fremdelt oder sich sonstwie ziert – eine exotische Frucht, die beim ersten Biss für ungeahnte Geschmacksexplosionen sorgt.

Aber von vorn. Denn das Königliche Kanu duftet ja vom Kopf her und mit zwei Schlagzeugern, zwei Tasten-Virtuosen und vier hauptamtlichen Sängern ist das Sextett bereits bei seiner Gründung anders als andere. Das sonst nicht unübliche "Wir-jammen-mal-und-gucken-dann-was-kommt"-Konzept lehnen die versierten Instrumentalisten ab und entwerfen ihre Liedwerke stattdessen lieber am Reißbrett. Was sie nicht daran hindert, bei Konzerten komplett auf Backing-Tracks und anderes Vorgefertigte zu verzichten; was wiederum dazu führt, dass sie selbst bei Busfahrten zum Proberaum Übergepäck anmelden müssen... Böse Zungen könnten an dieser Stelle einfließen lassen, dass Royal Canoe von niemandem gezwungen wurden. Aber diese bösen Zungen wären einfach nur schlecht informiert. Royal Canoe selber sind es, die sich zu all diesen Umständlichkeiten nötigen. Und damit sicherstellen, dass ihre distinkten Qualitäten nicht unterlaufen werden können; nicht einmal von ihnen selbst.

Speaking of it: Ein 15/8 Takt an sich ist natürlich von keiner höheren Qualität, sondern einfach nur ein ungewohnter, weil speziell für Nordhalbkugel-Bewohner ungerader Rhythmus. Inszeniert man um dieses Taktmaß herum aber einen Komplex, der in jeder Hinsicht Pop par excellence ist und das potentiell anstößige Rhythmusfundament verschleiert, dann ist das Spandau Ballet, Pink Floyd und Billy Joel zusammen und klingt am Ende genauso wie "Bathtubs". Wenn’s denn nur die vertrackte Rhythmik wäre. Royal Canoe machen auch vor Genre-Grenzen keinen Halt. Elektronischer Möchtegern-Avantgardismus ("Light") trifft auf experimentelle HipHop-Beats ("Button Fumbla"); Vokal-Sätze wie aus dem Pop-Musical-Labor ("Show Me Your Eyes") mischen sich mit opulent-hypnotischen Schlafzimmer-Produktionen ("Stemming"). Gelingen tut ihnen dieses stilistische Mäandern (Yeasayer lassen grüßen) unter anderem auch, weil das Soundesign auf "Today We’re Believers" die Unterscheidung zwischen analog-organischen und digital-elektronischen Klangquellen schwer behindert. Was sich anhört wie ein Loop, könnten auch gespielte Wiederholungen sein. Was zwingend nach einem Beat-Sample klingt, ist vielleicht einfach nur ein sehr exakt agierender Schlagzeuger. Auch nicht unwichtig: über mangelnde Fürsorge dürfen sich die Melodien dieser Welt nicht beschweren. Nicht bei Royal Canoe. Sie hegen und pflegen sie, als wären es ihre eigenen. In zwei bis vier Worten und einer Zahl: eines der besten Alben 2013. 

Foto: Sterling Andrews

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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