Gut getarnt ist halb gewonnen – „Soul Power“ von Curtis Harding

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Noch kennt Curtis Harding hierzulande kein Schwein. Das galt bis zum dieswöchigen Newsletter der Kollegen von byte.fm auch für den Autoren dieser Zeilen. Und dennoch wagt der zu prophezeien, dass sich das mit der Veröffentlichung von Curtis Hardings Debüt Album "Soul Power" schon bald ändern könnte.

Curtis Harding
Soul Power
Anti / Indigo
16. Januar 2015
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Kaum einem anderen zeitgenössischen Musiker gelingt es derzeit, das Phänomen Pop-Musik auf derart anschauliche Weise als Klang-Mode zu demaskieren, die vollkommen abhängig vom jeweils vorherrschenden Zeitgeist die musikalische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mal als hip und entsprechend en vogue einstuft, ein ander Mal aber als klanggewordene Uncoolheit diffamiert. Was das mit Curtis Hardings "Soul Power" zu tun haben soll, das doch wohl glasklar eher Retro-Soul denn Zeitgeist-Pop repräsentiert? – Genau das aber wagt der Autor zu bestreiten. Von Glasklarheit kann im Gegensatz zu so manch anderem Retro-Aktivisten im Falle Curtis Hardings nämlich nur eingeschränkt die Rede sein.

Sicher – zunächst hält "Soul Power", was der Titel verspricht. Der auf roh getrimmte Sound, die typische 60s/70s Soul-Instrumentierung mit Fender, Orgel und einem fähigen Bläsersatz sowie Rhythmen, die Assoziationen mit der ganzen weiten Welt zwischen Stax und Motown wecken. Von den Weltschmerz und Liebe-Texten gar nicht erst zu sprechen. Und trotzdem ist Harding von den derzeit gefeierten Classic-Soul-Revitalisten mindestens so weit entfernt wie es Amy Winehouse Zeit ihres Lebens war. Ob Lee Fields, Sharon Jones, die Ephemerals oder Nick Pride & The Pimptones – dass einige von ihnen mit Grammy-Nominierung (und vielleicht mehr) geehrt werden, zeigt nur, dass die Auseinandersetzung mit Musik von früher in der aktuellen Pop-Musik als hoffähig gilt. Das war Mitte der 1980er Jahre noch ganz anders. Und wird es 2020 möglicherweise wieder sein.

Dass Curtis Hardings "Soul Power" auch so dezidiert nach damals klingt, dürfte vor allem damit zu tun haben, dass Harding eine ziemlich beeindruckende Bandbreite an Genres abdeckt und für diesen heterogenen Ansatz einen Rahmen brauchte, der diesen Klangunterschieden gewachsen ist. Und zwar ohne gleich das Rad neu erfinden zu müssen. Lenny Kravitz und Ben Harper haben erfolgreich vorgemacht, wie sowas geht. Mit denen der Musiker aus Atlanta am Ende auch mehr verbindet als mit den Traditionsbewahrern in Sachen Soul. Dass sich alle drei hauptsächlich als Gitarristen sehen, mag ebenso eine Rolle spielen...

Tatsächlich entpuppt sich "Soul Power" bei genauem Hinhören als viel weniger soul-lastig, als Titel und erster Höreindruck zunächst vermitteln. Was "Next Time", "Surf" und "Drive" zu Soul macht, ist der Umstand, dass sie sich auf einer Scheibe namens "Soul Power" befinden. Dito "Drive My Car" und "Cruel World", die sich auf einer frühen ZZ Top Platte keinen Deut schlechter gemacht hätten. "Freedom" wiederum bedient sich frank und frei bei Paul Simons "50 Ways To Leave Your Lover". Und auf der vermeintlich glasklaren Classic Soul-Nummer "Heaven’s On The Other Side" ertönt ein Synthesizer, von dem Sly Stone noch träumen musste.

Das Debüt des stimmgewaltigen Curtis Harding zeigt vor allem, dass er mit "Soul Power" längst nicht am Ende seiner musikalischen Fahnenstange angekommen ist. Und mit Zuschreibungen wie retro, damals und früher genauso viel und so wenig zu tun hat wie Daft Punks "Random Access Memory".  

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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