Haimische Früchtchen – „Days Are Gone“ von Haim

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Jaja, die musizierenden Geschwister-Kinder. Das Prinzip ist weithin bekannt, erfolgreich getestet wurde es unter anderem an den Jacksons, Beach Boys und Kings of Leon – und jetzt eben auch Haim. Ob man sich auch bei ihnen über die zum Teil katastrophalen Folgeschäden einzelner Familienmitglieder die Mäuler wird zerreißen können, werden wir sehen. Hier und jetzt geht es um ihr fantastisch gelungenes Debüt-Album "Days Are Gone".

Haim
Days Are Gone
Vertigo Berlin / Universal
27. September 2013
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Über den bereits erschöpfend dokumentierten Werdegang Este, Danielle und Alana Haims – Geburt, Mitglied in der familien-eigenen Feier-Miet-Kapelle, Popstars eigenen Rechts – soll kein weiteres Wort verloren werden. Zur Abwechslung könnte es ja auch einmal um die Musik gehen. Und damit um die Frage, warum sich scheinbar die ganze Welt einig ist, dass der Musik Haims ein ganz besonderer Zauber innewohnt. Unbestreitbar: die drei Schwestern und ihr Schlagzeuger (der ganz nebenbei einen Höllen-Job verrichtet!) machen Pop-Musik. Massenkompatibel, zum Mitsingen, Hörer-Erwartungen im allerbesten Sinne erfüllend. Was sie dennoch derart dankbar von den meisten anderen Mainstreamern unterschiedet? – Mindestens drei Dinge.

Zum ersten definieren sich Haim als klassische Band, in der jedes Mitglied eindeutige instrumentale Zuständigkeiten hat. Auch wenn unüberhörbar digital-elektronische Fisimatenten mit im Spiel waren – die vier-köpfige Akustik-Band ist die Klangbasis, von der aus Haim agieren. Damit sind sie schon mal mehr Bangles als Destiny’s Child. Apropos Hupfdohlen – gerade weil sich die Geschwister nicht nur auf ihren Gesangspart konzentrieren können, bleiben den Hörern barocke Vokal-Kapriolen erspart. Anders als bei Beyoncé und Co wird Gesang nicht als Hochleistungssport missverstanden, sondern als musikalisches Mittel einem ganz bestimmten Klang-Zweck zugeführt. Und weil gerade vom Gesang als Stilmittel die Rede ist – wenn es einen Aspekt gibt, der Haim schon auf der Stimmspur unverwechselbar macht (von Alana Haims kehligem Timbre zwischen Stevie Nicks und Susanna Hoffs einmal abgesehen), dann doch der Groove. Selten sind Texte mit einer derartigen rhythmischen Schärfe und Akkuratesse dargeboten wurden: exakt synkopiert, mal triolisch, mal sextolisch, Zischer und anderes Lautmalerische wie von einem Percussion-Ensemble. Dass sich dieser Eindruck nur noch potenziert, wenn die jeweils anderen beiden Schwestern den Gesang doppeln – klar wie Kloßbrühe : hier werden Ohren-Träume wahr.

Überhaupt scheint es Methode gewesen zu sein, das Schlagzeug – wegen mannigfaltiger Hall- und Effektschleifen von seiner eigentlichen Aufgabe irgendwie freigestellt – durch den möglichst rhythmus-intensiven Einsatz aller anderen Instrumente zu ersetzen. Phoenix nicht unähnlich, ziehen sich die fein ziselierten Stakkato-Patterns durchs Album wie Liner-Notes – mit der Ausnahme von "My Song 5" und "Running If You Call My Name", den beiden untypischsten und damit schwächsten Songs des gesamten Albums. Alles in allem zeigen die Haim-Schwestern auf ihrem Debüt "Days Are Gone", wie es hätte klingen können, wenn Prince und Stevie Nicks jemals gemeinsame Sache gemacht hätten, während Lindsey Buckingham durch’s Schlüsselloch späht ....

Foto: Bella Lieberberg

 

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