Haste Töne? Er auch! – „Post Tropical“ von James Vincent McMorrow

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Nur, weil man bei Halbmond eben nur den halben Mond sieht, ist er noch lange keine Sichel. Und wer James Vincent McMorrow angesichts seines Debüts "Early In The Morning" für einen klampfenden Folk-Barden hält, hat von seiner Dark Side of The Moon (um beim Bild zu bleiben) schlicht keinen blassen Schimmer. Um genau die aber geht es auf McMorrows aktuellem Album "Post Tropical". Und nur um die.

James Vincent McMorrow
Post Tropical
Believe Digital / Soulfood
17. Januar 2014
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

In der Bedienungsanleitung seiner Plattenfirma lässt sich McMorrow mit einem mehr als bemerkenswerten Satz zitieren: "I'm so proud of that [first] album, but I never longed to be a guy with a guitar." Dass auch auf "Post Tropical" Akustik-Gitarren zu hören, ficht diese Selbsteinschätzung nicht an. Im Gegenteil: Würden diese Elemente auf dem Album mit dem Miami-Art-Deco-Pastell-Cover fehlen, wäre es nicht vollständig. Was für alle anderen Klang-Elemente und –Referenzen selbstredend genauso gilt. Damit lässt sich hinter dem Punkt Gewiefter Eklektizismus schon mal ein Häckchen machen. Man wird ja auch nicht oft Zeuge eines solch frei- und feingeistigen Umgangs mit derart unterschiedlichen Einflüssen und Sound-Quellen – und zwar ohne sich dabei den Avantgarde-Schuh anziehen zu müssen.

McMorrows "Post Tropical" ist ein popmusikalisches Manifest. Eines, das erarbeitet und erobert werden will, aber erstens schon auf dem Weg dorthin für reichlich Satisfaction sorgt und zweitens keinen einzigen Hörer auf’s Geratewohl vor den Kopf stößt – von kleinen Monstern und Beliebern abgesehen natürlich. Ob das der dezidierte Anspruch von McMorrow und seinen Mitstreitern war, bleibt offen. Egal, denn selbst ohne diesen weist sich der Falsett-Künstler McMorrow mit dem jeder (Genre-)Kategorisierung trotzenden "Post Tropical" als musikalischen Freimaurer im Sinne Brian Enos, Rick Rubins, Kate Bushs oder auch Talk Talks aus. Dabei geht es übrigens nur in Teilen um Stilistisches. Song-Strukturen, Strophe-Refrain-Konventionen, Taktmaße und Melodie-Verläufe sind davon genauso betroffen.

Offensichtlich: "Cavalier" und "Red Dust" wurden nicht zufällig als erste Singles ausgekoppelt. Die Essenz "Post Tropicals" tragen die beiden Songs auf eine ganz besonders leicht vermittelbare Weise in sich: Mitten in der Grauzone zwischen elektronisch und akustisch, weder Ballade noch Happy-Song, ständig changierend zwischen Fast-Schon-Hektisch und Hier-Passiert-Eh-Nix und über allem thronend McMorrows Vorsicht, zerbrechlich!-Kopfstimme, die derart delikat ist, dass – wäre sie anstelle Helenas geraubt worden – der trojanische Krieg wahrscheinlich noch heftiger gewütet hätte. 

Neben so manch anderem kleinen Wunder, gelingt es McMorrow auch, auf unerklärliche Weise die Zeitwahrnehmung zu manipulieren: Obwohl kein einziger seiner Songs länger als viereinhalb Minuten ist, bleiben sie fast alle als sehr viel längere Mini-Epen in Erinnerung. Apropos: Auch der Überschwang des Rezensenten hat seine Grenzen. Zumindest was den elendig-günstig klingenden Synthie auf "Gold" betrifft, und das einen etwas ratlos zurücklassenden "Outside Digging". Ab davon entpuppen dich die gewaltigen Dynamik-Schwankungen, die ausnahmslos jeden der insgesamt zehn Songs auf "Post Tropical" betreffen, nach mehreren Hördurchgängen als zwar lässliche, aber dennoch eben Masche. Für den Flamingo auf dem Cover noch lange kein Grund, den Schnabel ins Eis zu stecken. "Post Tropical" ist schon jetzt eines der Alben 2014.

Foto: James Chalk

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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