Neue Deutsche Kapelle – „Hey Herz“ von AB Syndrom

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Blutgruppe? – Newsletter-Test? – Unvollständiges Alphabet? – Nichts von alldem. Aljoscha und Bennett hatten die Idee zum gemeinsamen Lass-Uns-Musizieren-Projekt. Mit Anton am Schlagzeug und Oskar am Bass wurde sie Wirklichkeit. Jetzt hat das Zweibuchstaben-Syndrom bereits den zweiten Longplayer am Start: "Hey Herz".

AB Syndrom
Hey Herz
Herr Direktor / H'ART
03. Juli 2018
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Na klar – ohne das, was noch heute als britische Bassmusik fungiert – allen voran dessen Peter Pan Posterboy Aushängeschild James Blake – wäre das, was AB Syndrom auf "Hey Herz" authentischer denn je abliefern, vermutlich kaum denkbar. Weil diese Diagnose im Grunde genommen auch für Skrillex, Major Lazer und jede Menge anderer Dub-Step und Trap-Hans Würste gilt, ist der Autor dem Vierer aus Berlin richtiggehend dankbar. Dafür, dass sie sowohl musikalisch als auch textlich und nicht zuletzt sogar business-technisch (eigenes Label) das Wagnis eingehen, abseits ausgetretener Pfade zu wandeln.

Wer jetzt schlussfolgert, AB Syndrom gehörten ins Klangmuseum, liegt dennoch falsch. So ungewöhnliche die Klangsprache, derer sich das Quartett bedient, auch sein mag – ihre Songs bleiben Pop. So richtig schön altmodisch: Mit Strophen, Refrains und C-Teilen. Und alles im 4/4tel Takt – auch wenn die Ohren einem anderes einflüstern, wie zum Beispiel am Anfang von "Lippenblau". Das Besondere an AB Syndroms Musik ist wohl, dass sie den Dekonstruktions-Pop aus dem Schlafzimmer-Produzenten-Kontext gelöst und in ein Live-Band-Konzept überführt haben. Dekonstruktions-wie-bitte? – Zugegeben: Kein schönes Wort. Soll aber nur heißen, dass AB Syndroms Musik ein eklektischer Malstrom aus organischen und digitalen Klangquellen ist, bei dem man eigentlich nichts mehr weglassen kann, ohne dass das gesamte Klanggebäude in sich zusammenfällt.

Manchmal gerät das Ergebnis ein bisschen mehr auf die Zwölf – so zum Beispiel beim großartigen "Nina Nicht", dem bollerigen "Flaggschiff", der Video-Single "Hologramm" und dem (nicht nur wegen des gesampleten Schreis) an Moderats "Bad Kingdom" erinnernde "Rosen und Psychosen". Manchmal bahnen sich die Song-Widerhaken aber auch erst durch die Brust den Weg ins Auge: "Taumeln Taumeln", "Jalousien" und "Lagerfeuer" sind diesbezüglich Vorzeige-Kandidaten. Wie’s klingen kann, wenn all die Qualitäten auf einmal zusammenkommen bzw. abgerufen werden, das zeigen die Vier mit "Rauch, Licht & Raufaser" – dem auf Anhieb eingängigsten Stück Musik auf "Hey Herz" – und das gilt auch für den Text.

Apropos: Was Frontmann Bennett sich da zurecht dichtet, ist auf wunderbare Weise frei von Plattitüden, missionarischem Eifer und sonstigen Botschaften. Stattdessen kreist der Sänger um sich, das Kreuz mit der Zwischenmenschlichkeit und die Frage, warum das alles so schwer sein muss. Manchmal erschöpft sich der sprachliche Tiefgang in der bloßen Verballhornung von Aphorismen und bäuerlichen Weisheiten. Dann und wann aber haut Bennett Seuss dann auch wieder so was raus: "Wir driften, kurven kurz auf PVC und Laminat / Gesprächsfetzen, Glitzer und Bier bilden am Boden Patina / Ich setz mich rüber zu Dir, wär aber lieber Raumfahrer / Du warst auch mal da - zwischen Rauch, Licht und Raufaser / ruf mich an, wenn Du mich brauchst / Mit alleine sein kenn ich mich aus." In einem Wort: Pflicht!

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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