Hinter- statt Underground – „Libertatia“ von Ja, Panik

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Der deutsche Name, das Berliner Label, diese internationale Gesinnung – nur allzu schnell gerät in Vergessenheit, dass die mittlerweile fast zehn Jahre alte und inzwischen zu einem Trio geschrumpfte Formation Ja, Panik ursprünglich aus Österreich stammt. Wie man ihrem neuesten Album "Libertatia" aber sehr gut anhören kann – das macht gar nichts.

Ja, Panik
Libertatia
Staatsakt / rough trade
31. Januar 2014
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Im Gegenteil: Das Berliner Künstler-Asyl tut Andreas Spechtl, Stefan Pabst und Sebastian Janta genauso gut wie Stermann und Grissemann. Vice versa gilt das für das – im Ja, Panik Jargon - Creative Easy-Jetset-Hub Berlin natürlich auch. "Libertatia", ihr fünftes Album insgesamt und das dritte auf dem anders als andere Label Staatsakt, ist der grenzensprengende Konzept-Versuch einer Band, die von solchen Zuschreibungen – grenzensprengende Konzept-Versuche zu präsentieren - noch nie viel gehalten hat. Und exakt das ist, was die Rezeption zu einem mitunter zwiespältigen Vergnügen macht.

Medium-Rare, aber schön plastisch und vor allem Untenrum mit ordentlich Wumms produziert, zeigt sich schon am Klangbild, dass auch Ja, Panik nicht jünger werden. Dieser Reifeprozess - von der halb-verrosteten T-Modell-Kutsche zum scheckheft-gepflegten Ecken-und-Kanten-Volvo – macht sich auch jenseits der optimierten Produktions-Standards bemerkbar. Die mit wohlinformierter Sorgfalt gestalteten und arrangierten Songs sind bar jeden systemkritischen oder gar –zersetzenden Gestus. Statt Punk und Elvis Costello scheinen sich die musikalischen Anknüpfungspunkte eher in Richtung The Stone Roses, Pulp und dem groovigeren Teil des Fehlfarben-Gesamtwerks verschoben zu haben. Von belangloser Gefälligkeit keine Spur – leichter ins Ohr geht es trotzdem. Das gilt sogar für das Kenny G. Saxophon auf "Eigentlich wissen es alle". Und mindestens ein willkommener Nebeneffekt: Ohne rot werden zu müssen, präsentieren sich die drei als veritable musikalische Handwerker.

Hatte der Autor gerade etwas von statt Punk erwähnt? – Bei aller neuen Stromlinienförmigkeit darf nicht übersehen werden, dass sich an Ja, Paniks grundsätzlicher Subversion kein Stück geändert hat. Vielleicht ist es sogar so, dass sie als Wölfe im Schafspelz noch zwei Grad fieser daherkommen. Spechtls dreisprachiger Kauderwelsch ist so hintergründig wie er bei nur oberflächlicher Betrachtung durchaus auch als Dada missverstanden werden könnte: "Ich sah mich zeitlos, free im Space doch letztendlich war mein Place / viel weiter unten – als gedacht." oder "Ich wünsch’ mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht / Ich hab auf Back To The Future die Uhr gedreht" sind Botschaften, denen man den Rückzug ins innere Protestlager anmerkt. Der Holterdiepoltergeist lautstarker Parolen ist einer rein mentalen Occupy-Haltung gewichen – und das kommt zu allererst der Musik zugute. Um am Ende noch einmal auf den bereits oben angesprochenen Zwiespalt zurückzukommen – mit "Libertatia" machen Ja, Panik unmissverständlich klar, dass sie formvollendete Pop-Künstler mit erheblichem Maintream-Publikums-Potential sein könnten, wenn sie nur wollten. Gleichzeitig erteilen sie diesem Wunschdenken mit "Libertatia" die denkbar deutlichste Absage.

Foto: Gabriele Summen

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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