His Aimlessness Is To Satisfy – Dntels “Aimlessness”
Juni 7, 2012Jimmy Tamborello hat diverse Kreuze zu schultern. Da wäre zum Beispiel die Rolling Stone-Nominierung als siebenundzwanzigbester Song des Jahrzehnts für "Such Great Heights", an dem er als eine Hälfte von The Postal Service nicht ganz unbeteiligt war. Siebenundzwanzigster! – Ob Tamborello das freut oder er sich seit dem Titel fragt, was die anderen 26 noch besser gemacht haben könnten – keiner weiß es. Vermutlich ist’s ihm reichlich lax. Ebenso wie die Klassifizierung seiner Musik als Glitch. Aber zu behaupten, dass Tamborello schlicht und ergreifend überdurchschnittlich viel Geräusch- und Lärmhaftes in seinen Tacks verwurstet, klingt eben auch nur halb so glamourös. Egal wie man’s nennen mag: Auf "Aimlessness" hat er es wieder getan.
Pampa Records / Rough Trade
25. Mai 2012
Erhältlich bei:
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"Aimlessness" lässt sich als Ziellosigkeit oder Planlosigkeit übersetzen – und, Herrgottsakra, das ist ein gehöriger Unterschied. Wenn Tamborello als Dntel eines nicht ist, dann planlos. Ziellos hingegen darf er ruhig sein. So setzt er sich wenigstens nicht in den Kopf, ein Gabber-Album fertig stellen zu wollen. Den Rest der Welt freut das – denn spätestens seit "Life Is Full Of Possibilities", seinem Debüt als Dntel, vertraut der Rest der Welt auf eben dieses Quäntchen Experimentierfreude. Sie garantiert, dass Tamborello ausschließlich sein eigenes Genre bedient. Es böte sich an, dieses Genre nach dem aktuellen Album zu benennen.
Was das heißen bzw. wie das klingen soll, wenn jemand ausschließlich ein mit ihm stehendes und fallendes Genre bedient? – Kann man auf beinahe jeder Pampa-Veröffentlichung nachhören. DJ Kozes Labelneugründung bietet nicht nur Tamborello genau das Biotop, das sich für Produzenten-Vögel wie ihn als besonders fruchtbar erweist. Kaum verwunderlich also, dass er mit Isolée, Ada und Robag Wruhme erst der 4. Künstler ist, der auf Kozallas Label ein Album veröffentlichen darf. Diesen erlesenen Zirkel als avantgardistisch zu bezeichnen, dürfte von einer vollendeten Übertreibung nicht mehr weit entfernt sein. Dennoch: mit konventionellen Mustern und Kompositionsstrategien, der herkömmlichen Einteilung von Klangereignissen in hier Musik und dort Geräusch sowie wohltemperierter Tonalität haben sie allesamt nur noch bedingt etwas am Hut.
L’art pour l’art ist’s aber gewiss nicht. Gottseidank. Dafür ist auch Tamborello zu sehr Kind seiner Zeit. Dafür wohnt den insgesamt 11,5 Tracks auf "Aimlessness" zu viel Spielfreude inne. Dafür ist der Bass zu rund, und der Beat zu steil. Was Dntel wohlmöglich noch vor seinen Label-Kollegen auszeichnet, ist seine Chuzpe, grossartige Ideen und Klangskizzen nicht notwendigerweise soweit auszuarbeiten, dass sie selbst nach dem siebten Wodka-Redbull in einer Großraum-Disse hinter Gütersloh noch Sinn machen und sofortig zum Tanzen animieren. Überhaupt: Herr Tamborello macht eben keine Tanzmusik. Dass man zu seiner Musik tanzen könnte, wenn man denn wollte, ist ein anderes Paar Schuhe. Dennoch: auf "Aimlessness" ist Tamborello dem Tanzflur entschieden näher als noch auf dem vor 11 Jahren erschienen Vorgänger. Wirkte so manches auf "Life Is Full Of Possibilities" noch wie Knöppedrehen um des Knöppedrehens Willen, geht Tamborello auf seinem neuesten Werk auf Abstand zum Zufall.
Die gewagte Mischung aus Eingängigkeit und Spaß am Klangexperiment aber ist geblieben: bei dem auf wenige Zutaten beschränkten "Still" verschieben sich auf fast unmerklich Weise die metrischen Schwerpunkte, "My Orphaned Son" hört genau dort auf, wo jeder andere Produzent erst so richtig losgelegt hätte. "Retracer" klingt nach dem Versuch, Lodoner Dub-Step-Befindlichkeiten an den kalifornischen Strand zu locken. Und die "Paper Landscape" verzichtet geradewegs auf einen Beat. Allen Sound-Neuerungen zum Trotz ist die Handschrift Tamborellos unverkennbar. Oder zutreffender formuliert: wenn man es weiß, dann hört man es. So fehlen auf "Jitters" eigentlich nur die Vocals von Benjamin Gibbard – fertig ist ein The Postal Service Track. Auch der Hang zu Klängen, die sich als synthetisierte Verwandte von Marimba oder Xylofon vorstellen, ist eindeutig. Bestimmte Hall- und Echo-Muster wirken wie ein deja entendu.
Ganz eigentlich? – Die Tatsache, dass Tamborello – wenn auch nur als gehörte Intuition – eine Sound-Signatur etabliert hat und damit wiedererkennbarer ist als viele andere, darin besteht aus Sicht des Autors seine eigentliche Leistung. Keiner der Tracks ist ein Kandidat für die Ewigkeit. Als Teil des Album-Ganzen jedoch könnte man eine kleine Ewigkeit mit ihnen aushalten. Des Autors Liebling ist übrigens der Baths-Remix von "Jitters". Das ist der Song, zu dem die Surfer von Santa Cruz mit der allerletzten Welle wieder an den Strand gleiten, Poseidon "Gute Nacht" sagen und spüren, dass in diesem Moment alles gut ist.

